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bild: shutterstock/watson

Was ich wirklich denke

«Vor einem Monat lebten auf meiner Demenzstation noch 16 Leute – dann kam Corona»



Was ist «Was ich wirklich denke»?

Was ist «Was ich wirklich denke»? Wir gestehen: Bei der Idee für «Was ich wirklich denke» haben wir uns schamlos beim Guardian-Blog «What I'm really thinking» bedient. Wir mussten fast, denn die Idee dahinter passt wie die Faust aufs Auge auf unseren alten Claim «news unfucked». Es geht darum, Menschen, Experten, Betroffene anonym zu einem Thema zu Wort kommen zu lassen, ohne dass diese dabei Repressalien befürchten müssen. Roh und ungefiltert. Und wenn du dich selber als Betroffener zu einem bestimmten Thema äussern willst, dann melde dich bitte unter wasichdenke@watson.ch.

Die Namen unserer Gesprächspartner sind frei erfunden.

Gestern habe ich wieder eine Bewohnerin verloren. Am Sonntag sass sie noch unter den Leuten, hat mit ihnen gegessen und Weihnachtsfilme geschaut. Am Montagmorgen hat sie am Bettrand sogar noch ein Glas Orangensaft getrunken. Wenig später – auf dem WC sitzend – begann sie jedoch plötzlich, zu hyperventilieren. Ich habe sie gefragt, ob sie Schmerzen habe. Ganz leise hat sie geflüstert: «Ja.»

Ich habe sie aufs Bett getragen und eine halbe Ampulle Morphin gespritzt. Fünf Minuten später ist sie einfach gestorben. Die Frau war 76 Jahre alt und sonst eigentlich noch ziemlich fit.

Das Problem ist: Es geht sehr schnell bei Covid-19. Man hat das Gefühl, die Krankheit sei überstanden, und auf einmal – innerhalb von zwei, drei Tagen – geht es den Personen massiv schlechter. Das ist das Erschreckende. Das kenne ich von anderen Krankheiten nicht. Es geht so schnell. Man hat das Gefühl, man sei über dem Berg, und plötzlich schlägt die Krankheit zu.

Ich arbeite auf der Demenzstation eines Altersheims im Kanton Zürich. Das Coronavirus war für uns von Anfang an ein grosses Thema. Schon vor der ersten Welle haben wir unsere Bewohnerinnen und Bewohner getrennt und auf zwei Stationen verteilt. In einer Station leben jetzt die «Läufer». Auf der anderen diejenigen, die nicht mehr so mobil sind. Dieses Szenario hat sich bewährt. In einer Station sind bis jetzt alle gesund geblieben.

«Heute ist es genau ein Monat her, seit das Coronavirus bei uns ausgebrochen ist.»

Uns war schon immer klar: Wenn es bei den «Läufern» einen Covid-Fall gibt, dann werden sich wohl alle anstecken. Leider ist genau dieses Szenario eingetroffen. Wir können diese Menschen nicht einsperren, das geht nur schon wegen des Feuerschutzes nicht. Die Bewohnerinnen und Bewohner verstehen aufgrund der Demenz nicht, was das Coronavirus ist. Sie können sich gar nicht an die Abstandsregeln und Hygienemassnahmen halten.

Heute ist es genau ein Monat her, seit das Coronavirus bei uns ausgebrochen ist. Zunächst wussten wir gar nicht, dass es Corona ist: Ein Bewohner hatte Schmerzen und hat die ganze Nacht nur geschrien. Wir haben ihn mit Schmerzmittel versorgt, worauf er auch noch erbrechen musste.

Wir haben in der Folge Schnelltests gemacht und haben gesehen, dass sich vier Personen auf der Station infiziert hatten. Wir haben sofort alles dicht gemacht. Dennoch hat sich das Virus wie befürchtet ausgebreitet – mit fatalen Konsequenzen:

Im vergangenen Monat haben wir neun Menschen verloren. Von 16 Menschen auf unserer Station haben nur sieben überlebt.

Zu den meisten von ihnen habe ich in den vergangenen Jahren eine Beziehung aufgebaut. Ich kenne ihre Abläufe, ihre Gewohnheiten. Ich weiss, wie ich mit ihnen umgehen muss. Wenn Demente in ihrer Welt gefangen sind, müssen wir in ihre Welt eintauchen und nicht versuchen, sie in unsere Welt zu holen. Ich kenne, oder kannte, die Bewohnerinnen und Bewohner deswegen ziemlich gut. Das ist in der Langzeitpflege üblich. In einem Spital ist das anders, da ist die Liegezeit meistens kürzer.

Auch zu den Angehörigen haben wir viel Kontakt. Denn die Dementen können ja nicht viel von sich erzählen, da sie geistig nicht dazu in der Lage sind. Momentan ist die Zusammenarbeit mit den Angehörigen jedoch auf das Telefonieren beschränkt. Dabei ist sie ausserordentlich wichtig. Da fehlt etwas.

Seit einem Monat kann jetzt kein Besuch mehr auf die Station. Die Bewohnerinnen und Bewohner verlieren so den Kontakt zu ihren Bezugspersonen. Schwierig ist das auch für die Angehörigen. Etwa wenn eine Frau plötzlich ihren Ehemann nicht mehr besuchen kann.

In palliativen Situationen gibt es eine Sonderregelung. Dann können die Angehörigen zu den Bewohnerinnen und Bewohnern – in Vollmontur. Allerdings höchstens für eine Stunde. Viel ist das nicht.

«Jetzt haben wir innerhalb eines Monats neun Menschen verloren. Das ist schon heftig.»

Bei einem Bewohner hat sich der Allgemeinzustand gerade verschlechtert. Er zeigt jetzt Symptome. Er hat Fieber, ist geschwächt, isst fast nichts und stürzt immer wieder. Wahrscheinlich geht's auch bei ihm bald los.

Natürlich gehört Sterben auf unserer Station dazu. Aber so gehäuft habe ich das noch nie erlebt. Wenn sonst jemand stirbt, ist danach meistens monatelang Ruhe. Jetzt haben wir innerhalb eines Monats neun Menschen verloren. Das ist schon heftig. Zum Glück habe ich meine Kinder und meine Frau. Die bringen mich zuhause auf andere Gedanken. Sonst käme ich aus dem Grübeln wohl nicht mehr raus.

Nach diesem Video verstehst auch du, wie Covid-Impfungen funktionieren

Video: watson/jah/lea

Nur einen Bewohner hat es bisher nicht erwischt. Ich verstehe es wirklich nicht. Er läuft den ganzen Tag auf der Station umher und schüttelt allen die Hände. Schon vier Mal habe ich ihn getestet und er war immer negativ. Er ist ein Wunder.

Ich selber arbeite in Vollmontur. Wir haben einen Overall, Handschuhe, Brille und Maske an. Es ist sehr heiss unter diesen Kleidern, ich schwitze viel, es klebt überall. Die Maske ist meistens viel zu eng, man bekommt Druckstellen auf der Nase. Die Brille drückt an allen Ecken und Enden. Angenehmes Arbeiten ist anders. Aber nach vier Wochen muss ich sagen: Ich habe mich langsam daran gewöhnt.

Vor Ende dieses Jahres werden wir diese Massnahmen im Haus wohl nicht mehr lockern. Weihnachten werden wir mit unseren Bewohnerinnen und Bewohnern wohl in Schutzanzügen feiern müssen. Weihnachten ist normalerweise die Zeit, in der die Bewohnerinnen und Bewohner viel Besuch erhalten oder mal ein paar Tage zu Angehörigen dürfen. Das fällt dieses Jahr weg. Jetzt müssen wir Pflegenden Familie spielen und schauen, dass sie irgendwie trotzdem schöne Festtage bekommen.

«Ich bin sehr stolz auf das, was ich mache. Ich bin sehr gerne Pfleger.»

Am Anfang hatte ich schon etwas Angst, dass ich mich auch infiziere. Zwei meiner Mitarbeiterinnen hat es erwischt. Wenn ich sehe, wie es denen jetzt geht, möchte ich auch wirklich gerne negativ bleiben. Sie sehen wirklich sehr abgekämpft aus und haben Mühe, sich an Dinge zu erinnern. Eine Kollegin sagt zudem, sie schmecke immer noch nichts.

Den Beruf wechseln wollte ich trotz der Krise nie. Ich bin sehr stolz auf das, was ich mache. Ich bin sehr gerne Pfleger. Es wäre schon schön, wenn wir nach der Krise etwas mehr Anerkennung bekämen. Vom Klatschen alleine können wir uns jedoch nichts kaufen.

Von Teilen der Gesellschaft fühle ich mich ein wenig im Stich gelassen. Wir reissen uns tagtäglich den Hintern auf. Gleichzeitig gibt es immer noch Corona-Verharmloser und Maskenverweigerer. Oder jene, die einfach das Gefühl haben, es sei alles nicht so schlimm.

Die sollten mal einen Tag zu mir auf die Station kommen, dann würden sie sehen, was das Coronavirus bedeutet. Leute, nehmt das bitte nicht auf die leichte Schulter! Das ist überhaupt nicht witzig. Seid doch bitte ein wenig achtsam und haltet euch an die Regeln! Ihr macht das nicht für euch, sondern für alle.

(Aufgezeichnet von watson.ch)

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