DE | FR
Wir verwenden Cookies und Analysetools, um die Nutzerfreundlichkeit der Internetseite zu verbessern und passende Werbung von watson und unseren Werbepartnern anzuzeigen. Weitere Infos findest Du in unserer Datenschutzerklärung.
ZUR HALBJAHRESZAHLEN-MK VON SWISSMEM UND DEN STIMMUNG IN DER MASCHINEN-, ELEKTRO- UND METALL-INDUSTRIE (MEM-INDUSTRIE) STELLEN WIR IHNEN AM MITTWOCH, 19. AUGUST 2015, FOLGENDES ARCHIVBILD ZUR VERFUEGUNG – Un ouvrier travaille au bobinage dans l'atelier du site de ABB-Secheron, lors d'une visite de presse de l'usine ABB, ce vendredi 20 fevrier 2015 a Satigny, pres Geneve. (KEYSTONE/Salvatore Di Nolfi)

Viele ältere Arbeitnehmer gehen in Pension, ohne dass genügend Nachwuchs nachrückt. Bild: KEYSTONE

Die Babyboomer-Lücke: In der Schweiz fehlen schon bald die Arbeitskräfte

Die Coronakrise hat in manchen Firmen einen Stellenabbau zur Folge. Davon könnte die Begrenzungs-Initiative der SVP profitieren. Dabei droht der Schweiz ein Arbeitskräftemangel.



Minus 200 Stellen bei Schindler, minus 400 bei SR Technics, minus 350 bei Gategourmet. Die Hiobsbotschaften aus der Schweizer Wirtschaft haben sich in den letzten Tagen summiert. Begründet wird der Abbau in allen Fällen mit der Coronakrise. Und das dürfte nur der Anfang sein. Weitere Firmen streichen ebenfalls Jobs oder müssen dicht machen.

Solche Meldungen beunruhigen die Gegner der Begrenzungs- oder Kündigungsinitiative. Eigentlich läuft alles in ihrem Sinne. Die Umfragewerte der Initiative sind schlecht, die SVP ist wie von der Rolle. Dennoch fürchten sie, dass eine Entlassungswelle im Vorfeld der Abstimmung vom 27. September dem Ja-Lager Zulauf verschaffen wird.

Bild

Die «Blick»-Frontpage vom Montag. screenshot: watson

Unberechtigt sind solche Ängste nicht. Obwohl die Initiative den bilateralen Weg mit der EU gefährdet, trifft sie bei manchen Menschen einen Nerv. Dennoch wäre ein trotziges Ja aufgrund der Corona-bedingten Jobverluste extrem kurzsichtig. Denn der Trend auf dem Schweizer Arbeitsmarkt geht in die Gegenrichtung: Es droht ein akuter Arbeitskräftemangel.

Jetzt kommt der grosse Schub

«Job-Alarm auf dem Bau!», titelte der «Blick» am Montag auf seiner Frontseite. Bald würden Zehntausende Arbeiter fehlen, hiess es. Tatsächlich existiert das Problem nicht in einer fernen Zukunft, sondern in manchen Branchen schon heute. Der viel zitierte Fachkräftemangel wird sich in den nächsten Jahren massiv verstärken.

Die Direktion für Arbeit des Staatssekretariats für Wirtschaft (Seco) sprach dieses Problem in ihrer Jahresmedienkonferenz im Januar an. Die Grossbank Credit Suisse richtete im letzten Herbst den Fokus darauf und nannte die Ursache: «Die Generation der Babyboomer geht in Rente.» Das geschieht seit einigen Jahren, doch nun erfolgt der grosse Schub.

Schon 2021 kippt der Trend

«In den nächsten zehn Jahren werden insgesamt rund 1,1 Millionen Personen ins Rentenalter kommen», heisst es in der CS-Studie. Und der Nachwuchs fehle, um die geburtenstarken Nachkriegs-Jahrgänge zu ersetzen: «Schon 2021 werden etwas mehr Erwerbspersonen in den Ruhestand gehen, als junge Erwachsene auf den Arbeitsmarkt stossen, und diese Diskrepanz wird in den kommenden Jahren weiter zunehmen.»

Video: watson/Lino Haltinner

Den Höhepunkt erwartet die CS 2029 mit einem «Defizit» von 18’500 Erwerbstätigen. Die Gegner der Kündigungsinitiative nehmen den Steilpass auf. Die Bewegung Courage Civil und die Operation Libero wollen diesen Aspekt in ihren Kampagnen thematisieren. Zusätzliches Zahlenmaterial liefert die Neue Europäische Bewegung Schweiz (Nebs).

Schon heute stark von EU abhängig

In einem «Whitepaper», das watson vorliegt, zeigt die Nebs anhand verschiedener Sektoren und Branchen, wie stark die Schweizer Wirtschaft schon heute von Arbeitskräften aus der EU und damit von der Personenfreizügigkeit abhängig ist. Bis zu ein Drittel der Beschäftigten bestehe aus EU-Bürgerinnen und -Bürgern. Zwei Branchen stechen besonders ins Auge:

Gesundheitswesen

ZUM HERZCHIRURGEN RENE PRETRE UND SEINER ARBEIT STELLEN WIR IHNEN  HEUTE, MITTWOCH, 28. SEPTEMBER 2016, FOLGENDES BILDMATERIAL ZUR VERFUEGUNG --- Swiss heart surgeon and pediatrician Rene Pretre (center, right) and his team perform cardiac surgery on a two-year-old child at the Lausanne University Hospital, Centre Hospitalier Universitaire Vaudois, CHUV, in Lausanne, Canton of Vaud, Switzerland, on August 23, 2016. (KEYSTONE/Gaetan Bally)

Ohne Ärzte und Pflegekräfte aus der EU geht in den Schweizer Spitälern nichts mehr. Bild: KEYSTONE

Die Coronakrise hat es mit aller Deutlichkeit gezeigt: Das Schweizer Gesundheitswesen würde ohne Ärzte und Pflegekräfte aus den Nachbarländern zusammenbrechen. «Mit den Grenzschliessungen wurde vielen Menschen bewusst, dass ein Teil der Arbeit in Spitälern von GrenzgängerInnen erledigt wird», schreibt die proeuropäische Organisation.

Ein gutes Beispiel ist das Tessin, das 2014 die Masseneinwanderungs-Initiative so deutlich angenommen hatte wie kein anderer Kanton und besonders heftig von Corona betroffen war. Mehr als 40 Prozent des Tessiner Pflegepersonals stammt laut Nebs aus Italien, 56 Prozent der Ärztinnen und Ärzte haben einen italienischen oder sonstigen EU-Pass.

Weitere Beispiele sind Physiotherapie oder private Care-Arbeit. In der Rundumbetreuung von alten oder behinderten Menschen in ihrem eigenen Zuhause sind laut Nebs fast nur ausländische Arbeitskräfte tätig. Ein Wegfall der Personenfreizügigkeit und der damit verbundenen Meldepflicht würde diesen Markt in die Illegalität drängen, fürchtet die Nebs.

Landwirtschaft

Spargelernte auf dem Schmitterhof, aufgenommen am Mittwoch, 1. April 2020, in Diepoldsau. Der Schmitterhof kann dank Abwaermenutzung schon einige Wochen frueher mit der Ernte des Weissen Spargels beginnen. Die Produzenten der Region werden mit dem Coronavirus allerdings vor Ungewissheiten bezueglich ihres Personals gestellt. (KEYSTONE/Gian Ehrenzeller)

Nach der Grenzschliessung fehlten die Erntehelfer auf den Spargelfeldern. Bild: KEYSTONE

Die Allianz gegen die Kündigungsinitiative ist breit, sie reicht von rechtsbürgerlichen Wirtschaftsvertretern bis zu Grünen und Gewerkschaftern. Eine einflussreiche Organisation aber glänzt durch Abwesenheit: der Bauernverband. Er befindet sich im Dilemma: Viele Bauern sind mit der SVP verbandelt, aber auch von ausländischen Arbeitskräften abhängig.

Als die Grenzen wegen der Coronakrise geschlossen wurden, ertönten sofort Alarmrufe wegen fehlender Arbeitskräfte für die Spargelernte. «Geht auf die Felder den Bauern helfen!», forderte Wirtschaftsminister und Ex-Winzer Guy Parmelin (SVP) die auf Kurzarbeit gesetzten Leute auf. Damit konnte das Problem tatsächlich entschärft werden.

Allerdings war dies nur eine Notlösung. «Im Jahr 2017 zählte das Bundesamt für Statistik rund 17‘000 AusländerInnen auf Schweizer Bauernhöfen», schreibt die Nebs. Genaue Zahlen seien schwer erhältlich, denn in der Landwirtschaftsstatistik würden zwar jede Kuh und jedes Huhn einzeln registriert, nicht jedoch die ausländischen Arbeitskräfte.

Dabei ist keine Branche vom demografischen Wandel so stark betroffen wie die Land- und Forstwirtschaft, in der sich laut der CS-Studie mehr als 61 Prozent der Belegschaft aus den geburtenstarken Jahrgängen rekrutiert. Die Schweizer Landwirtschaft überaltert, dennoch wird man auch in diesem Spätsommer viele Ja-Plakate auf Bauernland sehen.

Das Nebs-Whitepaper beschreibt auch die Situation im Detailhandel sowie in Oper, Theater und Musik. In diesen Branchen ist der Bedarf an ausländischen Arbeitskräften ebenfalls gross. Noch haben nicht alle Firmen das Problem erkannt. Sie stellen nach wie vor ältere Menschen auf die Strasse. Ihnen soll die vom Parlament verabschiedete Überbrückungsrente helfen.

Abhängigkeit bleibt bestehen

Mit der «Babyboomer-Lücke» aber wird klar: Selbst wenn die Schweiz das bestehende Potenzial – vor allem bei den Frauen – besser ausschöpft und die Arbeitnehmenden über das Pensionsalter hinaus beschäftigt, bleibt die Abhängigkeit vom Ausland bestehen, auch wenn viele europäische Länder ebenfalls eine alternde Bevölkerung aufweisen.

Die Initianten räumen selber ein, die Schweizer Wirtschaft brauche «hochqualifizierte Arbeitskräfte aus der ganzen Welt». Umso seltsamer wirkt ihr Angriff auf ein einfaches und bewährtes Rekrutierungsinstrument. «Die Schweiz des 21. Jahrhunderts ist ohne Europa und ohne Personenfreizügigkeit undenkbar», schreibt die Nebs in ihrem Papier.

DANKE FÜR DIE ♥
Würdest du gerne watson und Journalismus unterstützen? Mehr erfahren
(Du wirst umgeleitet um die Zahlung abzuschliessen)
5 CHF
15 CHF
25 CHF
Anderer
Oder unterstütze uns per Banküberweisung.

Schweiz riegelt Grenze zu Italien ab

Sie sind jung, aufstrebend und gut gebildet

Das könnte dich auch noch interessieren:

Abonniere unseren Newsletter

Smart Farming

Die «Pestizid-Hölle Schweiz» ist nur ein Furz im Wasserglas

Du musst jetzt stark sein. Denn unser Agrarjournalist widerlegt deine Vorurteile über die «Pestizid-Hölle Schweiz»: Die Pflanzenschutzmittel Chlorothalonil und Glyphosat sind weniger gesundheitsgefährdend als ein Glas Whisky oder eine Portion Erdbeeren.

«Im ganzen Kanton Bern gibt es keine einzige Wasserfassung, bei der man von einem ernsthaften Gesundheitsrisiko sprechen müsste!» Das erklärt der Berner Regierungspräsident Christoph Ammann kategorisch.

«Bei uns kann man bedenkenlos in jeder Gemeinde das Wasser aus jedem Wasserhahn trinken», erklärt auch Alda Breitenmoser, Leiterin des Amtes für Verbraucherschutz im Kanton Aargau, dessen Grundwasser am stärksten belastet ist: «Die Schlagzeilen von der Pestizid-Hölle sind reine Hysterie!»

Wer hat …

Artikel lesen
Link zum Artikel