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Wegen Corona sind Schönheitsoperationen im Gesicht besonders beliebt. bild: shutterstock

Nosejob wegen Corona: Zwei Betroffene erzählen von ihren Schönheits-Eingriffen

Seit Beginn der Pandemie erleben Schönheitsoperationen einen Boom. Home-Office und soziale Isolation sind ideale Voraussetzungen, lang gehegte Pläne für eine Schönheits-OP in die Tat umzusetzen. Zwei Betroffene erzählen von ihren Eingriffen, die bis in die Türkei führten.

isabelle wachter



Ob Botox-Behandlung, Facelifting oder Nasenkorrektur: Seit Monaten können sich Schönheitschirurgen wegen Corona vor Anfragen kaum retten. Nun kommt die «Torschlusspanik» hinzu: «Seit Beginn der Impfkampagne kommen Patientinnen und Patienten in meine Praxis, die unbedingt noch vor Ende der Pandemie einen Eingriff machen wollen», sagt Christophe Christ, Zürcher Facharzt für Plastische, Rekonstruktive und Ästhetische Chirurgie. Insgesamt gehen die Mediziner von einer schweizweiten Zunahme bei Beauty-Eingriffen während der Pandemie von über 20 Prozent aus. Verbindliche Zahlen gibt es nicht.

Es erstaunt kaum, dass vor allem Eingriffe im Gesicht besonders beliebt sind. «Im Home-Office sieht man sich tagtäglich in der Webcam. Dadurch fallen Schönheitsmakel im Gesicht viel stärker auf. Häufig ist dies aber auch nur unvorteilhaftem Licht geschuldet», sagt Christ.

Während der Corona-Krise haben sich auch Stefania und Marco* (Namen geändert) unters Messer gelegt. Sie erzählen, wieso die Pandemie für sie der ideale Zeitpunkt für einen Eingriff war – und wie sie mit Stigmatisierung umgehen. Denn trotz ihrer Offenheit wollen sie anonym bleiben.

Langer Leidensweg

Stefania ist 32 Jahre alt, lebt in Basel und ist eine bildschöne Frau, wie man im Zoom-Gespräch sofort erkennt. Das war sie bereits vor ihrer Nasenkorrektur. Auf den Vorher-nachher-Bildern sieht man, dass Stefania vor ihrer OP einen leichten Höcker auf der Nase hatte. Eine sogenannte Höckernase, aber keineswegs extrem.

«In der Schule vermied ich es, an Pulten zu sitzen, an denen mich die Mitschüler von der Seite sahen.»

Stefania

Doch nicht nur Schönheit liegt im Auge des Betrachters, sondern auch der Leidensdruck ist individuell ausgeprägt. Stefania ist eine selbstbewusste Frau, arbeitet im Personalwesen, treibt viel Sport und hat einen grossen Freundeskreis. Doch ihr Leidensweg begann früh. «Bereits in der Pubertät hat mich meine Nase gestört. Das ging so weit, dass ich es in der Schule peinlichst vermied, an Pulten zu sitzen, an denen mich meine Mitschüler von der Seite sahen.» Zu Hause habe sie Posen vor dem Spiegel geübt, bei denen sie sich sicher war, dass man den Höcker auf der Nase nicht sah. Nie hätte sie sich im Profil (von der Seite) ablichten lassen.

Vom Spritzen zur OP

Stefania spielte schon früh mit dem Gedanken, eine Nasen-OP zu machen. Die Angst vor den Schmerzen hielt sie lange Zeit davon ab. Hinzu kam, dass sie keine so starke Nasenscheidewandverkrümmung hatte, dass sie nicht mehr genügend Luft bekommen hätte. Dementsprechend wäre der Eingriff bei ihr rein ästhetisch gewesen und die Krankenkasse hätte die Kosten nicht übernommen. Doch dann fand sie eine scheinbar gute Lösung für ihr Problem. Als sie mit 25 Jahren begann, ihre Lippen aufzuspritzen, machte sie die Kosmetikerin darauf aufmerksam, dass man auch in den Nasenrücken eine Dosis Hyaluronsäure injizieren könne. Das glättete den Höcker ein wenig aus.

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Unangenehme Erfahrung: Die Haartransplantation dauerte bei Marco rund zehn Stunden. bild: Shutterstock

Doch die Behandlung musste alle sechs Monate wiederholt werden. Nach jeder Behandlung hatte sie sichtbare Blessuren und ein ungutes Gefühl, ob der Körper die Hyaluronsäure wirklich so gut abbaut, wie es ihr die Fachleute versicherten. «Ich wusste, dass es keine dauerhafte Lösung war.»

Nach und nach begann sie sich mit einem operativen Eingriff, einer Septo-Rhinoplastik, zu beschäftigen. «Als ich auf YouTube und Instagram zu recherchieren begann, erkannte der Algorithmus mein Bedürfnis sofort. Ich wurde regelrecht zugespamt mit Beiträgen zum Suchbegriff Nosejob.» Stefania empfand dies als hilfreich. Sie schaute sich etliche Video-Tagebücher an und fühlte sich mit der Zeit sehr vertraut mit dem ganzen Operationsablauf und der Nachsorge.

Corona als perfekte Gelegenheit

Im Sommer bekam sie eine Zusage für eine neue Arbeitsstelle. Sie entschied sich, eine Auszeit von einem Monat vor ihrem Stellenantritt zu nehmen. «Es gab keinen besseren Zeitpunkt. Zum einen konnte ich wegen Corona sowieso nicht verreisen. Zudem sind die meisten gesellschaftlichen Anlässe während der Pandemie ohnehin auf Eis gelegt. Daher kommt man auch nicht in Erklärungsnot, wenn man einen Monat von der Bildfläche verschwindet. Zudem kannten mich die Leute bei der neuen Arbeitsstelle noch nicht und ich musste keine Stigmatisierung seitens der neuen Kolleginnen befürchten.» Dank Maske hat sie sich zwei Wochen nach dem Eingriff auch wieder in den Supermarkt getraut. Ansonsten hätte sie sich vier Wochen lang zu Hause verbarrikadiert, sagt sie.

«Man kommt nicht in Erklärungsnot, wenn man einen Monat von der Bildfläche verschwindet.»

Stefania

Stigmatisierung ist auch für Marco ein Stichwort. Der 40-jährige Hüne aus Zürich hat sich während Corona den lang ersehnten Traum einer volleren Haarpracht erfüllt. Ein schelmisches Lächeln streicht über sein Gesicht, als er sagt: «Kurz nach Ausbruch der Pandemie dachte ich – jetzt oder nie.» Nach einer Haartransplantation sei man vier Wochen lang nicht gesellschaftstauglich. Dank Home-Office und eingeschränktem Sozialleben fällt das nicht weiter auf. «Nie und nimmer wäre ich zwei Wochen nach einem solchen Eingriff wieder ins Büro gegangen. Zu gross wäre meine Angst vor blöden Sprüchen gewesen. Ich hätte mich permanent rechtfertigen müssen.»

Eine Reise für die Schönheit

Wenn Stefania in der Vergangenheit die Wahl gehabt hätte, ihre Ferien fürs Reisen zu nutzen oder für eine Nasen-OP, dann hätte sie sich immer fürs Reisen entschieden. Seit Corona fällt diese Option weg. Ein Grund mehr sich in dieser Zeit des Verzichts wenigstens diesen Wunsch zu erfüllen. Doch eine Reise war auch für die Nasen-OP nötig. «Wir waren zehn Personen, die zusammen nach Istanbul in eine Schönheitsklinik flogen. Acht davon waren Männer, von denen sich die meisten Haare transplantieren liessen. Die andere Frau liess sich die Brüste vergrössern.»

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Stefania sah keinen anderen Ausweg, als sich die Nase operieren zu lassen. symbolbild: shutterstock

«Wir waren eine total tabulose Gruppe. Es war schön, endlich mal mit Leuten zu sprechen, die einen nicht verurteilen.»

Stefania

Stefania kam mehr durch Zufall zu dieser bunt gemischten Reisegruppe. Sie wollte die OP ursprünglich in der Schweiz machen. Die plastische Chirurgin, bei der sie den Eingriff machen lassen wollte, war im möglichen Zeitfenster jedoch bereits ausgebucht. Daraufhin erzählte ihr eine Freundin aus dem Fitnessclub, dass sie eine Reise mit Schönheits-OP-Touristinnen nach Istanbul organisiere. Die Freundin hat türkische Wurzeln und kennt sich in den Schönheitskliniken in Istanbul bestens aus. «Wir haben uns am Flughafen Zürich zum ersten Mal getroffen. Es kam fast so etwas wie eine Ausflugsstimmung auf. Wir waren eine total tabulose Gruppe. Es war schön, endlich mal mit Leuten zu sprechen, die einen nicht verurteilen.»

Auch Marco hatte vor zwei Jahren bereits Offerten in der Türkei für eine Haartransplantation eingeholt. Damals war die Zeit noch nicht reif dafür. Deshalb entschied er sich, zuerst Haarwuchsmittel auszuprobieren. Dadurch konnte der Haarausfall gestoppt werden und das Haar wurde etwas kräftiger. Die kahlen Stellen blieben. Daher versuchte es Marco im Anschluss mit einer Eigenbluttherapie. Bei den sogenannten PRP-Behandlungen wird Eigenblut in die Kopfhaut injiziert. Das stimuliert die Mikrozirkulation in den Haarwurzeln und regt die Neubildung und Regeneration von Zellen an. Doch auch diese Behandlung brachte nicht das gewünschte Ergebnis.

«Nach der Haartransplantation sah ich so aus, als hätte mich ein Bus überfahren.»

Marco

Also blieb nur noch die Haartransplantation. «Ich habe mich an diesen Entscheid herangetastet. Ich würde es jederzeit wieder so machen und nicht direkt eine Haartransplantation machen. Der Eingriff dauerte bei mir zehn Stunden und war sehr unangenehm. Danach sieht man aus, als ob man vom Bus überfahren wurde. Sogar der Taxifahrer, der mich nach Hause gebracht hat, hat ständig in den Rückspiegel geschaut.» Im Gegensatz zu Stefania war es Marco wichtig, nach dem Eingriff direkt nach Hause gehen zu können. So entschied er sich schlussendlich, die Behandlung in der Schweiz machen zu lassen.

Das stille Leiden

Corona eignet sich ausgezeichnet dafür, solche Eingriffe im Stillen durchzuführen. Das sieht auch Marco so: «Vor allem unter Männern gilt man schnell als eitler Gockel, wenn man bei der Schönheit nachhilft. Macht man nichts gegen den Haarausfall, sparen Männer aber auch nicht mit Kritik. Ich denke dabei an all die Kommentare, die ich jahrelang über mich ergehen lassen musste. Sprüche wie ‹Häsch wieder Fädere glah?› oder ‹Bi dir luggets› gehören dabei zum Standardrepertoire.» Marcos Mimik lässt erahnen, wie verletzend das für ihn gewesen sein muss. Gleichzeitig ist es gesellschaftlich oft nicht akzeptiert, wenn sich ein Mann bei solchen Kommentaren wehrt. «Viele leiden still. Ich war bei solchen Aussagen immer peinlich berührt, hätte mich aber nie getraut, etwas zu sagen. Schliesslich soll man als Mann nicht so empfindlich sein.»

«Unter Männern gilt man schnell als eitler Gockel, wenn man bei der Schönheit nachhilft.»

Marco

Marco ist froh darüber, dass sich die Menschen nicht zuletzt dank prominenten Beispielen wie Fussballstar Xherdan Shaqiri zunehmend verständnisvoller gegenüber Haartransplantationen und Schönheits-OPs zeigen. Er finde es bedenklich, dass er mit dem Thema nicht offen umgehen könne. Einige Freunde habe er drei Monate lang ganz bewusst gemieden, bis alles verheilt war. «Viele haben keine Ahnung, welchen Leidensweg man hinter sich hat, bis man sich für einen solchen Eingriff entscheidet. Bei mir war der Besuch beim Coiffeur schlimmer als der Zahnarzt-Termin. Und bei Vorträgen habe ich mich stets in die hinterste Reihe gesetzt, damit nicht jeder auf meine Glatze starrt.»

Keine Frage des Selbstwertgefühls

Eine Frage bleibt: Waren die Eingriffe – egal ob Haartransplantation oder Nasenkorrektur – wirklich nötig? Ist das Ganze nicht eher eine Frage des Selbstwertgefühls? Stefania beantwortet diese Frage ganz klar mit Nein. Die Nase sei einfach etwas, was ihr an sich selbst nicht gefalle. Ganz einfach. «Der Psychiater kann eine Stütze auf dem Weg zu einer besseren psychischen Gesundheit sein. Aber er kann mir keine neue Nase machen.»

Sie sei ein Fan von einer gesunden Einstellung zu sich selbst. Doch müsse man einen Schönheitsmakel auch nicht überpsychologisieren. Marco meint dazu: «Klar hilft es meinem Selbstwertgefühl, dass mein Haar nun wieder voller ist. Aber mich haben die kahlen Stellen auch in Phasen gestört, in denen ich ein sehr gutes Selbstwertgefühl hatte. Und überhaupt – das Leben ist zu schade, um kahl zu sein. Wieso soll man einen solchen Eingriff nicht machen, wenn er möglich und bezahlbar ist?»

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