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Zauberpilze im Toggenburg – auf der Suche nach Magic Mushrooms

Bild: Screenshot psyprations 

Mehr Menschen konsumieren in der Schweiz psychoaktive Pilze. Gleichzeitig breitet sich die Art selber weiter aus. Wer sich mit den Zauberpilzen zu beschäftigen beginnt, taucht ein in die unergründliche Welt der Pilzsammler, Pilzkontrolleure und Pilzgift-Experten. Eine Spurensuche im Toggenburg. 



Eine kalte Nacht geht zu Ende. Auf den Spitzen der Hügel oberhalb Ebnat-Kappel liegt eine hauchdünne Schicht Schnee. Nebelschwaden schleichen den Hügelflanken entlang. Ab und zu schaffen es Sonnenstrahlen, die Nebeldecke zu durchbrechen. 

Mein Blick ist auf den Boden gerichtet, ich laufe abgelegene Weiden ab, streife Waldrändern entlang. Mein Objekt der Begierde ist ein Pilz namens Spitzkegeliger Kahlkopf, ein psychoaktiver Pilz, ein «Magic Mushroom». 

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Blick auf nebelverhangene Hügel im Toggenburg. bild: watson

In der Schweiz sind momentan wieder mehr Menschen auf der Jagd nach den Rauschpilzen. «Die Drogenpilze erleben ein Revival wie alle psychedelischen Drogen», sagt Katharina Schenk-Jäger. Sie ist Giftpilz-Expertin am Tox Info Suisse in Zürich. Nebst einer eingefleischten, erfahrenen Szene seien es Jugendliche, die nach der Pilzart mit dem halluzinogenen Wirkstoff Psilocybin suchten. 

«Ab 60 und mehr Pilzen erscheint dann der Pilzgeist. Dann liegst du nur noch am Boden.»

Philipp

Philipp* gehört zu ihnen. Seit vier Jahren zieht es ihn jeden Herbst ins Toggenburg. Wegen ihm bin ich hier. Er hat mir das Gebiet preisgegeben indem er wiederholt ganze Felder voller Zauberpilze fand. Allerdings tat er dies nur unter der Bedingung, dass ich nicht schreibe, wo genau diese «Plätzchen» sind. Die Szene ist verschwiegen. Niemand will teilen, niemand möchte, dass plötzlich Gruppen in die geheimen Spots einfallen. 

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Die Region Ebnat-Kappel ist Pilzland, auch Zauberpilz-Land.  bild: watson

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Die Böden sind voller verschiedener Arten von Pilzen. bild: watson

Ein Milan löst sich von einem Baumstumpf, hebt ab und verschwindet im Nebel. Etwas unterhalb von mir sammelt sich eine Schafherde. Allerlei Pilze entdecke ich, mein Blick wird von Stunde zu Stunde schärfer. Während ich weiter Ausschau nach dem Spitzkegeligen Kahlkopf halte, gehen mir Philipps Geschichten durch den Kopf. «Findest du die ersten kleinen Psilos musst du sie sofort essen», gab er mir auf den Weg. Diese nenne er «Pädo-Pilzli», sie hätten keine Wirkung. Allerdings sorgten sie dafür, dass man die grösseren besser sehe; weil diese zu leuchten beginnen, heisse es in der Szene. 

Halluze

Illustration aus der einschlägigen Szene. bid: suechtig.mobi

An meinem Hang leuchten keine Pilze, es wird Mittag. Sonne und Nebel wechseln sich ab, es weht ein rauher Wind. Ich begebe mich näher zum Waldrand. Das Geräusch des Windes in den Baumwipfeln begleitet mich und führt mich unter eine Gruppe Fichten. Aus dem Moos sticht mir etwas rotes ins Auge. Bei näherem Hinsehen entdecke in einen Fliegenpilz. Zwar nicht der Zauberpilz, nachdem ich suche, aber auch der Fliegenpilz wird wegen seiner bewusstseinserweiterten Wirkung von gewissen Menschen konsumiert. Weil die Dosierung schwieriger ist allerdings weniger oft als der Spitzenkegelige Kahlkopf. Es sind Fälle aus der Schweiz bekannt, in denen Fliegenpilzexperimente im Koma endeten. 

Grosse Verwechslungsgefahr

Pilz-Trips können denn auch höchst unterschiedlich ausfallen. Die Berichte gehen von euphorisierter Heiterkeit bis zu tiefen Depressionen. Philipp machte mehrheitlich positive Erfahrungen. «Ab 40 Psilos wird es schön, schön, schön», sagt er. Dann «fliege» er jeweils. Ab 60 und mehr Pilzen erscheine dann der Pilzgeist, so sage man. Selber erlebt habe er das noch nie. «Dann liegst du nur noch am Boden.»

Pilz

So könnte eine «Pilz-Reise» aussehen. bild: shutterstock

Giftpilz-Expertin Schenk-Jäger bekommt zurzeit verhältnismässig viele Anfragen betreffend der Wirkung der Drogenpilze. «Es sind mehrheitlich Neueinsteiger, die ihre Ängste nicht unter Kontrolle haben», sagt Schenk-Jäger. Sie spricht von einer neuen Welle. 

Ich lasse den Fliegenpilz an seinem Platz und ziehe weiter – weg vom Waldrand auf die offene Weide. Das ständige auf den Boden Starren hat etwas meditatives. Versteckt im Gras meine ich jetzt den Spitzkegeligen Kahlkopf ausgemacht zu haben. Zwei kleine Exemplare davon. Vorsichtig pflücke ich sie, traue mich aber nicht, sie einzunehmen. 

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Sind das Spitzenkegelige Kahlköpfe? bild: watson

Dies aus gutem Grund. Der Spitzkegelige Kahlkopf ist leicht verwechselbar mit verschiedenen Arten von Haarschleierlingen und diese sind gefährlich, die Einnahme kann zu Nierenversagen führen. Deshalb sollten die Funde, auch die Psilos, von einem Pilzkontrolleur begutachtet werden. Weil der Besitz, der Konsum, und die Einnahme der Drogenpilze verboten ist, tun dies jedoch die wenigsten. Ich breche meine Suche ab und mache mich auf zur Pilzkontrolle. 

«Die Pilzkontrollstellen sind die Lebensversicherungen aller Sammler.»

Katharina Schenk-Jäger, Giftpilz-Expertin am Tox Info Suisse

Marijke Frater betreut eine Pilzkontrollstelle im Toggenburg. Sie ist nicht nur eidgenössisch diplomierte Pilzfachfrau, sondern auch Noftall-Pilzexpertin. Die gelernte Chemikerin wohnt abgelegen hoch über Ebnat-Kappel. Diese Tage nimmt sie fleissig Funde von Pilzsammlern aus der Region unter die Lupe. Herbstzeit ist Pilzzeit. 

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Marijke Frater kommt ursprünglich aus den Niederlanden. Sie wohnt seit 12 Jahren im Toggenburg.  bild: watson

Übers Wochenende hat sie auch selber eine beachtliche Menge unterschiedlicher Arten gesammelt. Wir schauen uns ihre Funde an. Unter anderem befinden sich im Kistchen: Milchlinge und Schleierlinge – beide ungeniessbar – essbare Reizker, ein Semmelstoppelpilz sowie Speisetäublinge und ein Fliegenpilz, letzterer gehört zu den Giftpilzen.

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Fraters «Fang». bild: watson

Psilocybin-haltige, beziehungsweise psychoaktive Pilze sind keine darunter, sagt Frater. Auch nicht unter meinen. 

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Meine Ausbeute. bild: watson

Sie hat im Toggenburg auch schon welche gesehen und weiss, dass gewisse Leute bewusst nach der von den Pilzen verursachten Wahrnehmungsveränderung suchen. «Bei einer Exkursion mit Maturanden fragten die Teilnehmer ständig danach. Ich sagte immer ‹Nein, das sind keine›.» Sie hätten damals auch wirklich keine entdeckt. Sie möchte Menschen, die auf der Suche nach einem Pilz-Trip sind, nicht unbedingt unterstützen.

Sivlia

Der Spitzkegelige Kahlkopf in freier Natur. bild: salvia

Der Spitzkegelige Kahlkopf

In der Schweiz sind fünf Arten psychoaktiver Pilze bekannt. Der meistverbreitete ist der Spitzkegelige Kahlkopf. Er wächst bevorzugt auf Weiden mit gelegentlichen Dungablagerungen. Den Wald meidet er. Er sieht dem Kegeligen Düngerling ähnlich und wird oft mit diesem verwechselt. Die Zauberpilze sind in der Goa-Szene verbreitet und gelten auch als Schamanen-Pilze. Der Spitzenkegelige Kahlkopf zählt zu den potentesten halluzinogenen Arten. Hohe Dosen können zu verzerrter Wahrnehmung, Gleichgewichts- und Orientierungsstörungen führen. Experten warnen vor dem Konsum. Der Rauschpilz breitet sich laut einer soeben veröffentlichten Studie der Eidgenössischen Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft (WSL) aktuell bei uns aus. In der Schweiz fällt Psilocybin unter das Betäubungsmittelgesetz. Der Handel, die Lagerung und die Aufzucht sind verboten. (feb) 

Fraters Faszination des Pilzesammelns ist das Entdecken. «Man weiss zwar ungefähr, wo eine gewisse Art wächst, aber nie wann. Man muss immer wieder gehen; der unerwartete Fund, ist es, was das Ganze ausmacht.» Dann kommt Frater auf eine der wenigen Gemeinsamkeiten zu sprechen, die es zwischen den normalen Pilzlern und den Psilos-Suchenden gibt: «Niemand gibt gerne ‹seine› Plätzchen bekannt, sagt Frater. Sonst würden rasch Fremde diese Orte «abgrasen». 

«Der Nachwuchs fehlt»

Erzählt Frater von Pilzen, wie fast jeder von ihnen eine Verbindung zu einem Baum hat beispielsweise, ist ihre Passion zu spüren. Und immer schwingt ein bisschen Mystik mit. Nicht nur bei Frater, bei sämtlichen Pilzsammlern oder Kontrolleuren bekomme ich wieder und wieder faszinierende Geschichten erzählt, oft auch Sagen.

Auffallend oft sind es ältere Menschen, die Pilzkontrollen in den Gemeinden durchführen. René Flammer, selber kein Kontrolleur, aber eine Koryphäe in Sachen Giftpilzen, sagt: «Der Nachwuchs fehlt.» Als Lebenswerk hat der 83-Jährige das Buch Giftpilze verfasst.

Bei der Vereinigung amtlicher Pilzkontrollorgane (VAPKO) heisst es, es gebe zwar weiter genügend Personen, die sich zu Kontrolleuren ausbilden liessen, allerdings fehle vermehrt das Geld. «Seit die Pilzkontrollstellen nicht mehr dem Bund, sondern direkt den Kantonen unterstellt sind, wir überall gespart», sagt VAPKO-Sprecherin Marianna Schlatter-Schmid. So gibt es in Schwyz seit Kurzem gar keine Kontrollstelle mehr. Die Situation sei höchst unbefriedigend.

Diese Art von Sparmassnahmen sind allerdings alles andere als nachhaltig. «Ein einziger Aufenthalt auf einer Intensivstation ist teuerer als das Geld für eine Pilzkontrolle für das ganze Jahr», rechnet Schenk-Jäger vom Tox Info Suisse vor. Die Pilzkontrollstellen seien die Lebensversicherungen aller Sammler.

Die VAPKO 

Die Schweizer Vereinigung amtlicher Pilzkontrollorgane (VAPKO) sorgt Jahr für Jahr dafür, dass eine grosse Menge Giftpilze aus den Körbchen von Sammlern entfernt wird. Sie bildet Frauen und Männer zu qualifizierten Pilzkontrolleuren aus. In der Schweiz gibt es 400 Pilzkontrollstellen. Zudem schult die Vapko Notfall-Pilzexperten. In Fällen von möglichen Pilzvergiftungen sollte sofort die Notfallnummer 145 vom Toxzentrum angerufen werden. In der Schweiz gibt es mehrere tausend Pilzarten, davon werden ungefähr 200 Arten als Speisepilze empfohlen. (feb).  

Eine magische Erfahrung 

Ich ziehe noch einmal los, suche an neuen Hängen oberhalb Ebnat-Kappels weiter nach den Zauberpilzen. Im Wissen, wie mir mehrere Fachleute mitteilten, dass es purer Zufall ist, wo man den Spitzkegeligen Kahlkopf findet. Ein Hund bellt mich von seinem Hof weg, ich verliere mich im Wald. Da ist sofort wieder diese Stille und rasch auch dieser tranceartige Zustand, der mich beim auf den Boden Schauen erfasst. 

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Melancholisch schöne Stimmung bei Ebnat-Kappel. bild: watson

Pilz

Dieses von mir gesammelte Exemplar sieht dem Spitzkegeligen Kahlkopf ähnlich. Laut der Pilzkontrolle ist es aber keiner. bild: watson

Auch am Nachmittag finde ich an den Hängen nicht, was ich mir zum Ziel gesetzt habe. An Aufgeben denke ich nicht, nächstes Jahr nehme ich Philipp mit. Er hat mir versprochen, mitzukommen, falls ich alleine keine Psilos finde. Gelohnt hat sich die Suche so oder so. Das Pilzesammeln alleine ist schon magisch. 

*Name der Redaktion bekannt 

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