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ZUM TOD DES KANADISCHEN SAENGERS, POETEN UND MEISTERS DER GEPFLEGTEN MELANCHOLIE LEONARD COHEN AM DONNERSTAG, 10 NOVEMBER 2016, STELLEN WIR IHNEN FOLGENDES BILDMATERIAL ZUR VERFUEGUNG - Canadian musician Leonard Cohen performs at the Montreux Jazz Festival in Montreux, canton of Vaud, Switzerland, on June 26, 1976. (KEYSTONE/Str)

Der kanadische Musiker Leonard Cohen tritt am 26. Juni 1976 am Internationalen Jazz-Festival in Montreux, Schweiz, auf. (KEYSTONE/Str)

Der kanadische Musiker Leonard Cohen am Montreux Jazz Festival, 1976. Bild: KEYSTONE

Kommentar

Adieu, Leonard Cohen: Du warst die harte Liebesprüfung, die mein Vater bestehen musste

Und schon wieder ist einer der ganz Grossen von uns gegangen. 



«There is a crack in everything, that's how the light gets in.»

Leonard Cohen, «Anthem»

Wer schreibt jetzt diese wunderschönen Lieder, die wie ein Kleid aus lauter warmer Traurigkeit sind. Da geht sie hin, die friedliche Melancholie, in die man sich so gerne einwickelt. Um sich nach einem verstaubten Gefühl zu sehnen, das irgendwo zwischen den anderen Brocken gelebten Lebens vergraben liegt. 

Meine Mutter sagte zu mir: «Ein Mann, der es erträgt, mit dir stundenlang Leonard Cohen zu hören, ist ein guter Mann.»

Mein Vater hatte es also über sich ergehen lassen. Für ihn war es mehr eine Tortur. Andererseits hätte ihn meine Mutter sonst nicht geheiratet.

Sie war damals 24. Und seither wird mein Vater jeden 26. Dezember mit Leonard Cohen gefoltert, immer wenn die ganze Familie zusammensitzt und mein Onkel so virtuos «Suzanne» auf der Gitarre spielt.

Leonard Cohen – «Suzanne»

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Video: YouTube/Kaboifaa

«Das Schlimmste, was einem nach einem gutbürgerlichen Essen – etwa Schweinshaxen mit Sauerkraut oder sogar Wienerli mit Herdöpfelsalat – passieren kann, ist, wenn ein Tischgenosse mit schütterem Haar und zerknittertem Pullover voller Fuseln – an einen erfolglosen 68er erinnernd –, die Gitarre hervorkramt und ‹Suzanne› zu ‹möhnen› beginnt. Schlagartig ist die angeregte Tischgesellschaft in einen Zustand völliger Willenlosigkeit und grenzenloser Schlappheit gefallen. Und die Gesichter sind von besorgniserregender Ausdruckslosigkeit gezeichnet.»

Mein Vater über unsere 26.-Dezember-Abende

Meine Mutter bekommt dann ganz glasige Augen. Sie ist zuhause, wenn sie dieses Lied hört. Mein anderer Onkel blickt derweil hilfesuchend um sich und sagt seinem Bruder, er soll endlich aufs Gaspedal drücken. Damit meint er die Fussstütze, auf der das Bein des Gitarristen ruht und von dem er sich verzweifelt mehr Tempo verspricht.

Und meine drei Brüder rufen aus: «Nicht schon wieder dieser Schnulzen-Tiger mit der gebrochenen Stimme!» Sie weigern sich, die ersten Zeilen mitzusingen. Irgendwann tun sie es aber doch und sie schauen verstohlen zu unserer Mutter herüber. Ganz tief innen drin sind sie dann gerührt. Ich weiss das. Weil sie meine Brüder sind und weil sie gute Männer sind. Auch wenn sie es nicht immer zeigen. 

«Suzanne takes you down
To her place near the river
You can hear the boats go by
And you can spend the night beside her
And you know, that she's half crazy
But that's why you want to be there
And she feeds you tea and oranges
That come all the way from China
And just when you mean to tell her
That you have no love to give her
Then she gets you on her wavelength
And she lets the river answer
That you've always been her lover.»

«Suzanne», Leonard Cohen

Diese Zeilen schrieb Cohen für die junge Tänzerin Suzanne Verdal. Er besuchte sie oft in ihrem Haus, das sich ans Ufer des Sankt-Lorenz-Stroms schmiegte. Dort sassen sie auf der Terrasse bei Kerzenschein, tranken Tee, assen Orangen. Und er berührte ihren vollkommenen Körper mit seinem Geist: «For you've touched her perfect body with your mind». Und mein Bruder sagt dann jeweils: «If only my mind was a penis.»

Bild

bild: instagram

Janis Joplin ist Cohen im Lift des Chelsea Hotels in New York begegnet. Er liebte diesen Lift: «Ich war Experte für die Liftknöpfe. Eine der wenigen Technologien, die ich wirklich beherrschte», sagte er einmal. Eines Tages stieg eine junge Frau mit ein. Mit derselben Lust, wie er sie verspürte, seien sie zusammen Lift gefahren. Er fragte, ob sie jemanden suche. Joplin antwortete: «Ja, ich suche Kris Kristofferson». Cohen versicherte ihr, er sei besagter Kris.

«Auch wenn sie wusste, dass ich jemand Kleineres war als Kris Kristofferson, so zeigte sie es doch nie.»

Leonard Cohen über Janis Joplin

US singer Janis Joplin performs in this 1969 photo. Joplin's new album

Janis Joplin, 1969. Bild: AP

«I remember you well in the Chelsea Hotel
You were famous, your heart was a legend.
You told me again you preferred handsome men
But for me you would make an exception.
And clenching your fist for the ones like us
Who are oppressed by the figures of beauty,
You fixed yourself, you said:
‹Well never mind,
We are ugly but we have the music.›»

Leonard Cohen, «Chelsea Hotel #2»

Leonard Cohen – Chelsea Hotel #2

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Video: YouTube/messalina79

Später bereute er seine Widmung. Es sei die einzige Unbesonnenheit in seinem professionellen Leben gewesen. Niemals habe er konkret von einer Frau geschrieben, mit der er eine intime Beziehung gehabt habe. Nur in diesem Song habe er Janis Joplin erwähnt:

«Irgendwie hab ich ihren Namen mit dem Song verbunden. Das tut mir so leid, ich fühl mich schlecht deswegen. Und wenn es eine Möglichkeit gibt, sich bei einem Geist zu entschuldigen, dann tu' ich das jetzt.»

Leonard Cohen

Leonard Cohen war Jude. Doch für eine ganz kurze Zeit war er auch Mitglied bei Scientology. Er habe sich allerdings nur dorthin gewandt, weil er gehört habe, dass es leicht sei, dort Frauen kennenzulernen. 

Leonard Cohen – «Famous Blue Raincoat»

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Video: YouTube/Dracarys666

«Did you ever go clear?»

Leonard Cohen, «Famous Blue Raincoat»

Der britische Schriftsteller und Journalist Howard Jacobson beschreibt Leonard Cohens Tanzstil so: 

Leonard Cohen regt sich kaum, er duckt sich nur über sein Mikrophon, in das er mit heiserer Zweideutigkeit hineinflüstert. Und wenn er doch den Hauch eines Tanzes wagt, bekommt er einen wohlwollend ironischen Applaus dafür.

Howard Jacobson im Independet über Cohen

Und vielleicht wagt er sogar jetzt ein ganz schüchternes Tänzlein, irgendwo hoch über uns auf den Wolken.

Bild

bild: instagram

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