DE | FR
Wir verwenden Cookies und Analysetools, um die Nutzerfreundlichkeit der Internetseite zu verbessern und passende Werbung von watson und unseren Werbepartnern anzuzeigen. Weitere Infos findest Du in unserer Datenschutzerklärung.
SCB Cheftrainer Mario Kogler spricht waehrend einem Timeout zu seinen Spielern, im zweiten Spiel der Eishockey Pre-Playoff Serie der National League zwischen dem SC Bern und HC Davos, am Freitag, 9. April 2021 in der Postfinance Arena in Bern. (KEYSTONE/Peter Klaunzer)

SCB-Cheftrainer Mario Kogler spricht während eines Timeouts zu seinen Spielern. Bild: keystone

Eismeister Zaugg

Mario, «Streiti» und «Schatti»: Wie Wiener Schmäh den SCB befeuert

Wie kann es sein, dass der SC Bern das beste Zug der Geschichte herauszufordern vermag? Die Erklärung ist gar nicht so schwierig.



Erst einmal ein Blick zurück ins letzte Jahrhundert, der uns hilft, die Gegenwart ein wenig zu verstehen.

Dänemark verpasst die sportliche Qualifikation für die Fussball-EM 1992. Dann wird Jugoslawien aus politischen Gründen vom Wettbewerb ausgeschlossen. Die Dänen dürfen im letzten Moment doch zum Turnier fahren.

Sie sind eigentlich chancenlos. Einige Spieler müssen sogar aus den Ferien zurückgeholt werden. Eine seriöse Vorbereitung ist nicht mehr möglich.

Am Ende steht eine der grössten Sensationen der Fussballgeschichte: Dänemark besiegt im Final den damaligen Weltmeister Deutschland 2:0 und wird Europameister.

Das Beispiel ist bewusst gewählt. Es zeigt einen Mechanismus, der sportartenübergreifend Mannschaften befeuert.

Notregelung «Pre-Playoffs» sei Dank

Wir finden nun einige Parallelen zum SCB von 2021. Eigentlich haben die Berner mit dem 9. Rang die Qualifikation für die Playoffs verpasst wie die Dänen jene für die EM-Endrunde 1992.

Aber dank der Notregelung «Pre-Playoffs» sind die Berner nun doch dabei. Der HCD ist schon besiegt. Ein Weiterkommen gegen Zug wäre eine ähnliche Sensation wie der dänische EM-Triumph von 1992.

Die dänische Sensation ist ein Schulbeispiel dafür, welche Energien geweckt werden und was möglich ist, wenn der Sport für eine Gruppe junger Männer unverhofft ein aufregendes Abenteuer wird. Wenn sich überraschend eine einmalige Chance bietet.

Ähnlich war es auch beim Finalsturm der Schweizer bei der WM 2013 und 2018. Oder beim SCB-Titelgewinn von 2016. Und, schon fast vergessen: wie beim ZSC im Frühjahr 1992, als Arno Del Curto im November Pavel Wohl ersetzte und im Playoff-Viertelfinal die Zürcher zur Bodigung des übermächtigen HC Lugano führte.

«Schablonen-Kari» und seine Taktik

Beim SCB kommt noch ein Faktor hinzu: Unter dem taktischen Zuchtmeister Kari Jalonen waren die Erfolge zwar maximal – dreimal hintereinander Qualifikationssieger, zweimal Meister. Aber nach und nach erstarrte ein unberechenbares, emotionales Spiel in Taktik («Schablonen-Kari»). Die Freude ging verloren.

Der Spass ist erst mit Mario Kogler zurückgekehrt. Die unergründlichen Gänge und Läufe des Hockeygeschäftes haben dem erst 33-jährigen Österreicher im Dezember das SCB-Cheftraineramt beschert. Als Nachfolger des Irrtums Don Nachbaur.

Er hat eigentlich keine Chance. Also packt er sie. Perfekte Voraussetzungen für eine Sensation. Und eine Sensation ist der SCB-Saisonschlussspurt schon jetzt.

Mario Koglers Persönlichkeit spielt bei der SCB-Ehrenrettung eine zentrale Rolle. Der Gegensatz zum autoritären Kari Jalonen könnte grösser nicht sein. Mario Kogler kommt zwar aus Klagenfurt. Er ist kein Wiener. Aber er hat das, was wir als «Wiener Schmäh» bezeichnen: die besondere österreichische Art der Lebensphilosophie, des Humors und der Kommunikation, die bis in die kaiserlichen Zeiten von Franz Josef, Sissi und Katharina Schratt zurückreicht. Mario Kogler ist deshalb auch schon als «Hansi Hinterseer des Hockeys» bezeichnet worden.

Seine Art ist erfrischend. Erst recht in einer so streng hierarchisch strukturierten Organisation wie der Hockey-Firma SC Bern. Bei der Selbstironie, Sinn für Humor und Kritikfähigkeit inzwischen nicht mehr zur DNA einer Führungsetage gehören, die von den Schwingen des Grössenwahns gestreift worden ist.

Kommunizieren, nicht kommandieren

Wenn wir uns über sein Coachingteam unterhalten, dann redet Mario Kogler ganz spontan von «Streiti» oder von «Schatti» (Mark Streit, Alex Chatelain). Wiener Schmäh eben.

Nach dem autoritären Kari Jalonen und Don Nachbaur - einem Banden-Clown, der für die Spieler nicht lustig war - wirkt Mario Kogler wie eine erlösende Lichtgestalt.

Er gehört zur neuen Generation der Führungspersönlichkeiten: Eine klare Linie vorgeben. Aber erklären, nicht befehlen. Führung im Kollektiv, um noch mehr Wissen, Erfahrung und Kompetenz einzubringen. Mario Kogler sagt über sich: «Ich bin ja nicht allwissend.»

Der SCB-Trainer führt aus, die neue Spielergeneration trete Autoritäten selbstbewusster entgegen. «Die Jungen wollen wissen, warum sie etwas tun sollen. Sie fordern Erklärungen.» Dann sei es wichtig, Antworten zu haben und Lösungen aufzeigen zu können.

Kommunizieren, nicht kommandieren. Mario Kogler ist ein Banden-Demokrat und kein Banden-General. Kein Josef Wenzel Radetzky von Radetz oder Franz Conrad von Hötzendorf. Eher wie Bernie Sanders. «Ganz so liberal bin ich doch nicht. Aber definitiv bin ich kein Banden-General.»

Kogler übernimmt Verantwortung

Und so arbeitet er eng mit seinen Assistenten zusammen: mit Nebensportchef Alex Chatelain, vorübergehend an die Bande abdetachiert, mit Alex Reinhard und mit Verwaltungsrat Mark Streit, der temporär wieder aufs Eis zurückgekehrt ist.

Die Arbeit wird aufgeteilt. Während sich Alex Chatelain und Alex Reinhard im Training und in den Meetings mehr mit defensiven Themen beschäftigen, ist Mark Streit fürs Powerplay zuständig. Während des Spiels sitzt der ehemalige NHL-Titan oben auf der Tribüne und ist per Funk mit Alex Chatelain verbunden. Er gibt Inputs und entscheidet per Funk, wann eine «Coach’s Challenge» genommen wird. Mario Kogler versteckt sich nicht hinter seinen Kollegen: «Die Verantwortung für die letzten Entscheidungen liegen bei mir.»

Der Berner Head Coach ad interim Mario Kogler (AUT) im ersten Eishockey-Pre-Playoff Qualifikationsspiel der National League zwischen dem HC Davos und dem SC Bern, am Mittwoch, 7. April 2021, im Eisstadion Davos in Davos. (KEYSTONE/Juergen Staiger)

Mario Kogler am 7. April 2021. Bild: keystone

So haben die Hockey-Götter beim SCB im Laufe dieser Saison ein Coaching-Team formiert, das so in normalen Zeiten nie zusammengefunden hätte. Ein wenig wie eine Hockey-Version der deutsch-österreichischen Musikkomödie «Die lustigen Vier von der Tankstelle» aus den 1970er Jahren.

Weil die Kabine und die Leistungskultur beim SCB auch in den Zeiten der Wirrnis immer intakt geblieben sind, zeigt dieser für SCB-Verhältnisse ungewohnt antiautoritäre Führungsstil umso grössere Wirkung.

Der Spass, die Emotionen sind nach langen Monaten der Niederlagen, der Schmähungen, der zeitweisen Verbannung auf den letzten Platz und der Wirren in der sportlichen Führung zurück. Nun bietet sich die Chance, wenigstens vorübergehend alles vergessen zu machen. Nach dem Motto: Lasst uns rocken und rollen.

Schwierige Ausgangslage

Bereits jetzt ist klar, dass es diese Konstellation nie mehr geben wird. Viele Spieler gehen: Goalie Tomi Karhunen heim nach Finnland, Yanik Burren, Inti Pestoni und André Heim nach Ambri, Kyen Sopa in die Organisation der ZSC Lions, Miro Zryd nach Langnau. Sie werden nicht ersetzt und was das für Folgen haben wird, wollen wir an dieser Stelle nicht erörtern.

Das Coaching-Team wird sich in alle Winde zerstreuen wie die Ingenieure nach dem Turmbau zu Babel. Oder beim SCB wieder in anderer Funktion tätig sein. Eigentlich wäre Mario Kogler in Biel der perfekte Nachfolger von Trainer-Assistent Anders Olsson. So wie es die «Berner Zeitung» schon angeregt hat.

Biels Assistenstrainer Anders Olsson (SWE), hinter der Bande musste heute als Head Coach einspringen, im Eishockey-Qualifikationsspiel der National League zwischen dem HC Davos und dem EHC Biel, am Freitag, 11. Dezember 2020, im Eisstadion Davos in Davos. (KEYSTONE/Juergen Staiger)

Trainer-Assistent Anders Olsson beim Spiel HCD–EHC Biel. Bild: keystone

Gerade diese ganz besondere Ausgangslage dürfte eine nicht zu unterschätzende Wirkung haben: Weil Mario Kogler schon jetzt weiss, dass er nächste Saison nicht mehr an der Bande stehen wird, braucht er auch keine Rücksichten auf Befindlichkeiten und innenpolitische Konstellationen zu nehmen.

In einem positiven Sinne kann er die Mannschaft nach dem Motto «nach mir die Sintflut» führen. Er sagt: «Da mag was dran sein.» Aber es müsse schon alles Sinn machen.

Mario Kogler hat eine einmalige Chance bekommen. Und er hat sie genützt. Wie weit die Reise für den SCB in diesen Playoffs auch noch gehen mag, ist unerheblich: Mario Kogler ist einer der unerwarteten grossen jungen Aufsteiger und Sieger dieser Saison. Ein bisschen wie Sebastian Kurz in der österreichischen Politik. Aber skandalfrei.

Wir haben oft gespottet. Nun verneigen wir uns.

DANKE FÜR DIE ♥
Würdest du gerne watson und Journalismus unterstützen? Mehr erfahren
(Du wirst umgeleitet um die Zahlung abzuschliessen)
5 CHF
15 CHF
25 CHF
Anderer
Oder unterstütze uns per Banküberweisung.

So viel verdienen die Schweizer Eishockeystars in der NHL

1 / 15
So viel verdienen die Schweizer Eishockeystars in der NHL
quelle: ap/fr170793 ap / mark zaleski
Auf Facebook teilenAuf Twitter teilenWhatsapp sharer

Du bist ein echter Eishockey-Fan? So kriegst du das Stadion-Feeling zuhause hin.

Das könnte dich auch noch interessieren:

Abonniere unseren Newsletter

Eismeister Zaugg

«Abstürzende Adler» – die besten Schweizer seit 1998 sind gescheitert

Ist es Leichtsinn? Ist es gar Hybris? Nein, es ist eine Laune der Hockeygötter. Die Schweizer verlieren einen WM-Viertelfinal gegen Deutschland nach Penaltys (2:3), den sie nie hätten verlieren dürfen. Weltmeister werden wir wieder nicht. Aber wir sind die Dramakönige der Hockeygeschichte.

Ach, es wäre so schön gewesen. Nur 43 Sekunden fehlten für den Halbfinal. Um zu zeigen, wie schmal der Grat zwischen Triumph und sportlicher Tragödie sein kann und wie gut die Schweizer bei dieser WM und in diesem Viertelfinal-Drama waren, machen wir hier kurz ein Gedankenspiel. Nach dem Motto: Was wäre wenn?

Also; hätten wir gewonnen, so wäre hier nun zu lesen:

«Unser Eishockey, unser Sieg, unser Halbfinal: Die Schweiz besiegt in einer der besten WM-Partien der Neuzeit Deutschland. Die Deutschen …

Artikel lesen
Link zum Artikel