DE | FR
Wir verwenden Cookies und Analysetools, um die Nutzerfreundlichkeit der Internetseite zu verbessern und passende Werbung von watson und unseren Werbepartnern anzuzeigen. Weitere Infos findest Du in unserer Datenschutzerklärung.
Switzerland's Angelica Moser competes during the women's pole vault final at the Poland European Indoor Athletics Championships in Torun, Poland, Saturday, March 6, 2021. (AP Photo/Darko Vojinovic)

Im März sprang Angelica Moser zu Gold an den Indoor-Europameisterschaften. Bild: keystone

Wie Angelica Moser nach EM-Gold auch den Kampf gegen ihre Sucht gewann

Die 23-jährige Stabhochspringerin erhielt nach dem Gewinn der Goldmedaille nochmals die Gewissheit, auch ihre Essstörung überwunden zu haben.

rainer sommerhalder / ch media



Leichtathletin Angelica Moser hat das Pandemie-Jahr optimal genutzt. Die 23-Jährige kann zwei zentrale Erkenntnisse für die Zukunft mitnehmen. Erstens weiss die mehrmalige Goldmedaillengewinnerin an Nachwuchs-Titelkämpfen seit der Hallen-EM, dass sie auch bei der Elite internationale Meisterschaften gewinnen kann. Zweitens hat die Stabhochspringerin aus Andelfingen die Gewissheit, dass sie stark genug ist, eine Sucht zu überwinden.

Während des Lockdowns nahm Moser die Bewältigung ihrer jahrelangen Essstörung an die Hand. Die Therapie verläuft erfolgreich. Selbst in der Zeit nach der EM – in früheren Jahren für sie eine besonders heikle Phase, um nicht sogenannten Belohnungsessen oder exzessiven Essattacken zu verfallen – gab es keinen Rückfall. Für die «Schweiz am Wochenende» blickt die Europameisterin auf ihre aufregende Zeit seit Ausbruch der Corona-Pandemie zurück.

Das sagt Angelica Moser über ...

... ihren Frust im Lockdown:

«Der erste Lockdown bedeutete einen extremen Einschnitt in meinen Alltag als Spitzensportlerin. Zuerst trainierte eine kleine Gruppe von Athletinnen und Athleten im Hinblick auf die Olympischen Spiele zwar in einer geschlossenen Gruppe in Magglingen weiter. Als dann aber die Sommerspiele von Tokio wegen der Pandemie um ein Jahr verschoben und alle weiteren Wettkämpfe abgesagt wurden, brach man auch dieses Experiment der ersten «Blase» im Schweizer Sport ab. Ich wollte so gut es ging auch ohne konkrete Perspektive weitertrainieren. Aber psychisch war die Situation schwierig. Ich wusste nicht, wofür genau ich trainiere und fiel dadurch zwischenzeitlich in ein Loch.»

… ihre Rückkehr zum positiven Denken:

«Ich fing mich glücklicherweise schnell wieder, indem ich vermehrt begann, die positiven Dinge zu sehen. Ich hatte wieder einen Plan, an den ich mich halten konnte. Für mich als erst 23-jährige Sportlerin ist es ein Vorteil, ein Jahr mehr Vorbereitung auf die Olympischen Spiele zu erhalten. Und ich war seit Jahren nie mehr so lange zuhause in Andelfingen wie im vergangenen Jahr. Normalerweise trainiere ich unter der Woche in Magglingen, reise an den Wochenenden an Wettkämpfe oder begebe mich in längere Trainingsaufenthalte im Ausland. Nun hatte ich erstmals wieder viel mehr Zeit für meine Familie und mich.»

… das Überwinden ihrer Essstörung:

«Im ersten Lockdown zuhause wurde mir mein Essverhalten bewusster. Wenn ich jeweils unterwegs war, laufen so viele Dinge parallel, dass es viel weniger präsent ist. Aber die Essstörungen begleiten mich seit mehreren Jahren und es war mir durchaus auch klar, dass es nichts Gutes ist. Im vergangenen Frühling wurde es mir nun definitiv zu viel und ich habe entschieden, dass ich etwas dagegen tun muss. Zuerst habe ich mich meiner Mutter anvertraut. Zusammen suchten wir eine geeignete Therapie. Am Unispital Zürich gibt es eine spezielle Beratung für Spitzensportler mit Essstörungen. Dort habe ich mich angemeldet. Schon vor der ersten Therapiestunde veränderte sich mein Essverhalten zum Guten. Die eigene Einsicht bildete die Basis für den Erfolg. Es war wie ein Schalter, der kippte. Seither gab es nie einen wirklichen Rückschlag. Trotzdem gehe ich in gewissen Abständen nach wie vor in die Therapie. Nach der EM war dies der Fall, weil es eine heikle Phase war. Früher verlor ich vor wichtigen Wettkämpfen jeweils bewusst Gewicht und kompensierte dies danach doppelt. Dass dies nach meinem EM-Titel problemlos verlief, war noch einmal eine Erleichterung.»

… die Auswirkung ihrer Sucht auf den Sport:

«Es war in erster Linie die psychische Belastung, die auf meine Leistungen einen Einfluss hatte. Man weiss, dass etwas nicht stimmt, kommt aber nicht davon weg. Es drehen sich dann extrem viele Gedanken um dieses Thema. Natürlich ist das Körpergewicht im Stabhochsprung ein mitentscheidender Faktor. Jedes Gramm muss über die Latte. Allerdings kann man gerade punkto Energie und Hebelwirkung Gewicht auch positiv nutzen. Man kann beispielsweise härtere Stäbe benutzen. Es ist letztlich ein Abwägen zwischen Kraft- und Lastverhältnis. Muskelmasse ist durchaus hilfreich – Fett hingegen nicht. Ich bin durch das Überwinden meines gestörten Essverhaltens auch nicht viel leichter geworden. Das Gewicht ist jetzt stabil, die früheren Schwankungen sind weg. Es war auch kein Ziel, bewusst Kilos zu verlieren. Auch um die Gefahr eines Rückschlags zu vermeiden. Mir hilft die neue Situation hingegen darin, dass ich mich voll aufs Training konzentrieren kann und nicht mehr an meine Essstörung denken muss.»

epa09058651 Gold medalist Angelica Moser of Switzerland celebrates during the medal ceremony for the Women's Pole Vault at the 36th European Athletics Indoor Championships at the Arena Torun, in Torun, north-central Poland, 07 March 2021.  EPA/Adam Warzawa POLAND OUT

Angelica Moser holt ihren ersten internationalen Titel bei der Elite. Die Hallen-Europameisterin erlebte aber in den vergangenen zwölf Monaten weit mehr als nur diesen Sieg. Bild: keystone

… einen Titel in Zeiten von Corona:

«Speziell sind vor allem die Rahmenbedingungen. Die Hallen-EM in Polen war mein erster grosser Wettkampf ohne Zuschauer. Eine ganz neue Erfahrung. Aber ich war extrem froh, dass diese EM stattfand. Meine Vorfreude war entsprechend riesig. Es gab mir ein Ziel vor Augen, auf welches ich hinarbeiten konnte. In besonderer Erinnerung bleibt mir auch, dass ein grosser Teil des Schweizer Teams in der Halle mächtig Stimmung für mich machte. Schade einfach, dass meine Mutter nicht wie üblich live dabei sein konnte. Aber sie organisierte zuhause einen Zoom-Call mit einigen Leichtathletik-Interessierten, die parallel den Livestream schauten und über das Geschehen diskutierten.»

… die Gründe ihres Erfolgs:

«Ich glaube nicht, dass das Überwinden der Essstörung der entscheidende Grund dafür ist, dass ich jetzt höher springe. Das hilft in erster Linie meinem Wohlbefinden und nicht meinem Leistungsvermögen. Ich habe während des vergangenen Jahres an all meinen Schwachstellen hart und erfolgreich gearbeitet. Die Anpassungen im Training bilden die Basis für meine jüngsten Erfolge. Seit Herbst 2019 arbeite ich spezifisch mit Krafttrainer Jan Seiler in Magglingen zusammen. Es gab Änderungen bei der Anlaufgeschwindigkeit und auch im technischen Bereich. Dank der neuen Betreuungssituation mit Trainer Damien Inocencio und Trainerin Nicole Büchler steckt ein ganzes Teamwork hinter der Trainingsgestaltung. Das klappt bisher ausgezeichnet.»

… die neue Erwartungshaltung:

«Zuallererst ist wohl meine eigene Erwartungshaltung gestiegen. Das Ziel ist die Höhe von 4.75 m auf diesem Niveau zu stabilisieren. Für die Olympischen Spiele ist die Finalqualifikation die eigene Vorgabe. Ein konkretes Rangziel setze ich mir aber bewusst nicht. Ich gebe mein Bestes. Das Können der Konkurrenz kann ich ohnehin nicht beeinflussen.»

DANKE FÜR DIE ♥
Würdest du gerne watson und Journalismus unterstützen? Mehr erfahren
(Du wirst umgeleitet um die Zahlung abzuschliessen)
5 CHF
15 CHF
25 CHF
Anderer
Oder unterstütze uns per Banküberweisung.

Die Chronologie im Fall Caster Semenya

1 / 17
Die Chronologie im Fall Caster Semenya
quelle: epa/keystone / jean-christophe bott
Auf Facebook teilenAuf Twitter teilenWhatsapp sharer

Stabhochsprung zwischen den Pendlern

Das könnte dich auch noch interessieren:

Abonniere unseren Newsletter

Sprint-Staffel mit Schweizer Rekord in den Final: «Wir dürfen von einer Medaille träumen»

Die Schweizer 4x100-m-Staffel stellt im Vorlauf in 42,05 Sekunden einen Schweizer Rekord auf und qualifiziert sich souverän für den Final vom Freitag.

Riccarda Dietsche, Ajla Del Ponte, Mujinga Kambundji und Salomé Kora verbesserten den Schweizer Rekord von 2019, aufgestellt an der Weltmeisterschaft in Doha, um 13 Hundertstel. Die Schweizerinnen belegten im zweiten Vorlauf hinter Deutschland den 2. Platz.

Insbesondere die Stabübergaben brachten die Schweizerinnen vorzüglich hin, obwohl sie …

Artikel lesen
Link zum Artikel