Wirtschaft
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Helikoptergeld

Bild: shutterstock

Kommentar

7500 CHF für jeden? Weshalb Helikopter-Geld gar keine so blöde Idee ist

Die vermeintliche Schnapsidee von ein paar Bürgerinnen und Bürgern aus der Ostschweiz hat einen seriösen Hintergrund in der ökonomischen Theorie.



7500 Franken soll die Schweizerische Nationalbank (SNB) an alle Einwohnerinnen und Einwohner mit Schweizer Bürgerrecht verteilen, bar auf die Hand. Das fordern sieben St.Gallerinnen und St.Galler und wollen eine entsprechende Volksinitiative einreichen. Ein vorgezogener Fasnachtsscherz, mögen die meisten gedacht haben, wohl auch die 70 Prozent watson-User, die von der Idee begeistert sind.

Wer an einen Jux glaubt, liegt jedoch gleich doppelt falsch. Erstens ist die Ostschweizer Fasnacht nicht für originelle Scherze, sondern allenfalls für deftiges Treiben bekannt. Und zweitens hat das sogenannte Helikopter-Geld – so wird die Forderung der Initianten in der Fachsprache genannt – durchaus seriöse Vertreter in der Zunft der Ökonomen.

Was ist Helikopter-Geld?

Die Theorie hinter dem Helikopter-Geld lautet kurz zusammengefasst wie folgt:

Volkswirtschaften bewegen sich in Zyklen. Am Anfang steht ein Aufschwung. In dieser Phase ist die Wirtschaft produktiv und innovativ, die Konsumenten haben genügend Einkommen, um auch zu konsumieren. Das Resultat ist eine Wachstumsspirale: Weil die Konsumenten konsumieren, haben die Unternehmen einen starken Anreiz, zu investieren. Es entstehen attraktive Produkte und gut bezahlte Jobs. Der Himmel hängt voller Geigen. Die Nationalbank sorgt dafür, dass der Boom nicht ausser Kontrolle gerät und erhöht sukzessiv die Leitzinsen.

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Hier eine verständliche Erklärung des Schulden-Zyklus. Video: YouTube/Principles by Ray Dalio

Irgendwann kippt der Aufschwung. Warum, weiss man nicht so genau, doch die Erklärungen tendieren in folgende Richtung: Die Menschen überschätzen sich und konsumieren zu viel auf Kredit. Die Banken werden leichtsinnig und erteilen zu viele Kredite. Die Unternehmen verschleudern diesen Kredit in Projekten, die sich als Flop erweisen. Es häuft sich ein Schuldenberg an, der abgebaut werden muss. In der Fachsprache heisst dies Deleveraging.

Damit die Volkswirtschaft nicht ungebremst in eine Depression stürzt, muss die Nationalbank handeln. Zunächst senkt sie die kurzfristigen Leitzinsen, die sie kontrollieren kann. Im besten Fall reicht dies aus, die taumelnde Wirtschaft wieder auf Kurse zu bringen.

Wenn nicht, muss die Wirtschaft zu einer stärkeren Medizin greifen. Um auch die langfristigen Zinsen – deren Höhe der Markt bestimmt – nach unten zu drücken, setzt die Zentralbank ein sogenanntes quantitatives Easing (QE) in Gang. Will heissen: Sie kauft Anleihen in der Absicht, die Zinsen zu drücken. Mit dem billigen Geld hofft die Zentralbank, die Konsumenten zum Konsumieren und die Unternehmen zum Investieren zu animieren.

FILE - This Jan. 16, 2014 file photo, then-Federal Reserve Chairman Ben Bernanke speaking at the Brookings Institution in Washington. Bernanke, who stepped down last week after eight momentous years as chairman of the Federal Reserve, is joining the Brookings Institution, a Washington think tank. Bernanke will be a distinguished fellow in residence affiliated with Brookings' Hutchins Center on Fiscal and Monetary Policy, according to Brookings President Strobe Talbott.  (AP Photo/Manuel Balce Ceneta, File)

Trug den Übernamen «Helikopter-Ben»: Der ehemalige Fed-Präsident Ben Bernanke. Bild: AP/AP

Wenn auch das QE versagt, dann hat die Zentralbank nur noch eine Waffe, das Helikopter-Geld. Will heissen: Um einen Kollaps des Konsums zu verhindern, verteilt sie Geld direkt an die Menschen. Die Notenbank hofft so, eine Verelendungsspirale zu stoppen, die zwangsläufig in einer Depression münden würde.

Woher kommt der Begriff?

Helikopter-Geld ist somit keine Schnapsidee. Geprägt hat den Begriff der Vater des Monetarismus, Milton Friedman. Einer seiner gelehrigsten Schüler ist Ben Bernanke, der ehemalige Präsident der US-Notenbank Fed. Bernanke hat die Depression der Dreissigerjahre ausführlich analysiert und ist dabei zum Schluss gekommen, dass Helikopter-Geld als letzte Massnahme durchaus sinnvoll sei. Das hat ihm den Übernamen «Helikopter-Ben» eingetragen.

Nach der Finanzkrise 2008 hat Bernanke mit der Vorstufe des Helikopter-Geldes, dem QE, einen Absturz der US- und wahrscheinlich auch der Weltwirtschaft verhindert. Philipp Hildebrand, der ehemalige Präsident der SNB, hat ebenfalls mehrere Male darauf hingewiesen, dass wir nicht mehr sehr weit davon entfernt seien, zu diesem Mittel greifen zu müssen.

Warum würde es jetzt Sinn machen, Helikopter-Geld auszuschütten?

Tatsächlich hat die Coronakrise die Weltwirtschaft sehr nahe an den Abgrund einer Depression geführt. Zum Glück haben Notenbanker und Politiker die Kassandrarufe der Staatsdefizit-Bedenkenträger in den Wind geschlagen und Schuldenbremsen Schuldenbremsen sein lassen. Mit Hilfsprogrammen in bisher einmaliger Höhe konnte eine Depression verhindert werden.

Für kurze Zeit schien es gar, dass der Abschwung der Wirtschaft nicht so schlimm wie befürchtet ausfallen werde. Doch nun setzt Corona zur zweiten Welle an. Neue Lockdowns werden wieder diskutiert, zumindest in Miniform.

epa08426681 People demonstrate against the coronavirus lockdown at the Sechselaeutenplatz in Zurich, Switzerland, 16 May 2020.  EPA/ALEXANDRA WEY

Proteste gegen den Lockdown auf dem Zürcher Sechseläutenplatz. Bild: EPA

Gleichzeitig melden sich die Schulden-Bedenkenträger wieder zu Wort. In den USA haben die republikanischen Betonköpfe im Senat bisher ein zweites Hilfspaket verhindert. In Europa und auch in der Schweiz warnen geldpolitische Hardliner vor einer nicht vorhandenen Inflationsgefahr.

Die Sparonkel und Staatsdefizit-Hysteriker dürfen kein Gehör finden. Bis ein Impfstoff gegen das Virus nicht nur gefunden, sondern auch verteilt worden ist, müssen noch schwierige Monate überbrückt werden.

Die Gefahr eines Kollapses der Weltwirtschaft ist keineswegs gebannt. Das zu verhindern, muss die oberste Priorität der Politiker und der Notenbanker sein, und wenn dazu Helikopter-Geld nötig sein sollte – so sei es. Dass es sich dabei um eine zeitlich befristete Notmassnahme handelt, liegt auf der Hand.

Helikopter-Geld moralisch zu verurteilen, ist fehl am Platz. Milliarden von Franken, Dollar und Euro sind bisher zur Rettung des Finanzsystems aufgeworfen worden. Letztlich ist dies nichts anderes als Helikopter-Geld für die Finanzindustrie. Warum also sollten Bürgerinnen und Bürger kein Anrecht auf ein paar tausend Franken haben, sollte diese Unterstützung tatsächlich notwendig werden?

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