Wirtschaft
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Monika B

«Die Situation ist kritisch», sagt die Ökonomin Monika Bütler. Bild: KEYSTONE

Interview

Ökonomin Monika Bütler: «Wir werden nicht in der gleichen Welt aufwachen»

Taskforce-Mitglied Monika Bütler findet den Begriff Eigenverantwortung schwammig, er lasse die Menschen ratlos zurück. Zudem fordert sie rasche Entschädigungen für geschlossene Betriebe.

Niklaus Vontobel / ch media



Viele fragen sich, wie sie diese Weihnachten feiern sollen. Wie werden Sie als Ökonomin der Covid-Taskforce es halten?
Monika Bütler: Wir haben teilweise schon gefeiert, wie immer im ganz kleinen Kreis. Daher mussten wir nicht viel ändern. Mit meinem 85-jährigen Vater ging ich spazieren. Mit der Tochter und ihren zwei kleinen Kindern haben wir zusammen Samichlaus gefeiert und gleich nach dem Zmorge die Masken angezogen.

So viel Vorsicht muss dieses Jahr sein?
Es ist leider so, wie es die Covid-Taskforce kürzlich zusammenfasste: Die Situation ist kritisch, und das Risiko einer weiteren Verschlechterung ist gross.

Worauf genau stützt sich dieses Urteil?
Wir haben im internationalen Vergleich sehr hohe Fallzahlen. In den Spitälern ist die Belegung der Intensivplätze hoch, das Personal sehr stark belastet. Der Trend geht in die falsche Richtung: Die Fallzahlen sinken nicht, sie steigen sogar eher. Wir haben seit Wochen sehr viele Todesfälle ohne Tendenz einer Besserung.

«Es braucht nur sehr wenig, dann steigen die Fallzahlen noch schneller. Schon die aktuelle Entwicklung lässt sich nicht lange durchhalten.»

Was genau ist gemeint mit dem hohen Risiko einer Verschlechterung?
Es braucht nur sehr wenig, dann steigen die Fallzahlen noch schneller. Schon die aktuelle Entwicklung lässt sich nicht lange durchhalten. Schon heute werden aus aufgeschobenen Operationen Notfälle, und es gibt Ausbrüche in Gesundheitsinstitutionen.

Der Bundesrat hat einen Teil-Lockdown beschlossen. Reicht das?
Die Taskforce ist aufgrund wissenschaftlicher Erkenntnisse besorgt, dass diese Massnahmen nicht reichen werden, auch wenn die Schliessung der Restaurants in die richtige Richtung geht. Geschlossene Restaurants und teilweise Läden konnten die Fallzahlen in der Romandie eine Zeit lang senken, nun stagnieren sie nur noch.

Monika B

Bild: KEYSTONE

Renommierte Wissenschafterin

Monika Bütler, 59, ist Mitglied der Covid-19-Taskforce des Bundesrats. Die Professorin für Volkswirtschaft an der Hochschule St. Gallen und Ehrendoktorin der Universität Luzern gilt als eine der wichtigsten Ökonominnen des Landes. Bütler beschäftigt sich mit den Themen Alterung der Gesellschaft, Sozialversicherungen und Arbeitsmarkt. Sie ist Mitglied des Bankrats der Schweizerischen Nationalbank (SNB) und unter anderem Verwaltungsrätin beim Liftbauer Schindler oder beim Industrieunternehmen Huber + Suhner. Bütler lebt mit ihrem Mann und ihren zwei Söhnen in Zürich. (chm)

Restaurants wurden lange für sicher gehalten, zumindest mit Schutzkonzepten. Warum hat sich die Einschätzung geändert?
Wir haben immer gewusst: Wenn Menschen ohne Masken in oft schlecht gelüfteten Innenräumen längere Zeit zusammenkommen, ist die Gefahr der Ansteckung da. Was sich geändert hat, sind die Umstände. Im Sommer konnten die Menschen bei gutem Wetter draussen sitzen. Das Virus war wenig weit verbreitet. Das Contact-Tracing funktionierte. Man hatte das Virus mit punktuellen Eingriffen unter Kontrolle, was ideal war. Anfang Oktober ist die Situation entglitten. Nicht nur bei uns, sondern in vielen europäischen Staaten.

In der ersten Welle wurde die Schweiz international gelobt. Nun ist sie ein Hotspot. Wie sehen Sie sie im europäischen Vergleich?
Länder, die schnell und vergleichsweise hart durchgegriffen haben, wie Norwegen, Finnland und Irland, haben derzeit die Lage besser unter Kontrolle. Die Schweiz gehört momentan zur Gruppe mit den höchsten Fallzahlen und Todesraten - weltweit.

Was lief schief?
Neben den Massnahmen ist auch das Verhalten der Menschen wichtig. Das war in der ersten Welle die grosse Stärke der Schweiz. Die Regeln waren zwar weit weniger streng als im Ausland, wurden aber sehr gut befolgt. In der zweiten Welle sind die Menschen coronamüde. Während im März die Mobilität schon vor dem Lockdown sehr stark zurückging, sank sie im Herbst kaum. Es ist viel kälter als im Frühling, wir sind mehr in Innenräumen.

Die Schweiz hat stark auf die Eigenverantwortung gesetzt. Hat sie es damit übertrieben?
Ich konnte mit dem Wort Eigenverantwortung nie etwas anfangen.

«Ich bin tatsächlich sehr liberal. Eigenverantwortung halte ich dennoch für ein Unwort.»

Sie als liberale Ökonomin?
Ich bin tatsächlich sehr liberal. Eigenverantwortung halte ich dennoch für ein Unwort. Es vermischt zwei Werte: Verantwortung für sich selbst, Verantwortung für andere. Natürlich ist es in einer Pandemie wichtig, Verantwortung für sich selbst zu tragen; vulnerable Menschen müssen sich auch selbst schützen. Aber genau so wichtig ist es, Verantwortung für andere zu übernehmen, beispielsweise wenn ich mich bei Symptomen testen lasse und bei Krankheit isoliere. Mit dem schwammigen Begriff Eigenverantwortung weiss am Ende niemand, was gemeint ist.

Was heisst das für die Pandemie?
Wir übernehmen tagtäglich Verantwortung für andere. Aber in einer Pandemie gelangen wir an unsere Grenzen. Wir können alle gar nicht in jeder Situation abschätzen, was unser Tun für andere bewirkt. Darum braucht es gute und klare Informationen und einschränkende Massnahmen. Wie zum Beispiel eine Maskenpflicht.

Wie passt das zu einem liberalen Weltbild?
Liberal sein heisst auch, anzuerkennen, dass gewisse Tätigkeiten sogenannte Externalitäten haben. Was wir selbst tun, wirkt sich nicht nur auf uns selbst aus, sondern auch auf andere. Der Klimawandel ist ein Beispiel. Auch hier gibt es einen starken Konsens unter Ökonomen, dass CO2-Emissionen mit einer Steuer belegt werden sollten. Das gehört zum Liberalismus: Die eigene Freiheit endet dort, wo sie anderen schadet.

Die Freiheit der Gastwirte wurde erneut eingeschränkt. Die Politik diskutiert immer noch über die Entschädigungen. Ihr Rat?
Die Politik hat in der ersten Welle gezeigt, dass eine schnelle Unterstützung der betroffenen Firmen letztlich den Wirtschaftseinbruch begrenzen kann. Natürlich sind Entschädigungen teuer, wie Ueli Maurer sagt. Nur zeigt die wissenschaftliche Evidenz, dass ein Grossteil der Kosten nicht von den Einschränkungen, sondern vom Virus selber kommt. Es wäre nun angezeigt, die betroffenen Firmen schnell zu unterstützen.

In normalen Zeiten raten Ökonomen doch zu Sparsamkeit.
Spare in der Zeit, so hast Du in der Not, heisst der alte Spruch. Ueli Maurer hat in der Zeit alles richtig gemacht, aber nun sind wir in der Not. Es ist nicht der Fehler der Unternehmen, wenn die Krise sie direkt oder indirekt trifft. Ein Gastwirt, der vorübergehend schliessen muss, tut etwas für uns alle. Das gehört entschädigt. Zumal wir nicht wollen, dass er aus Angst ums geschäftliche Überleben irgendwie offen bleibt - und so der Pandemiebekämpfung schadet.

Wie soll entschädigt werden?
Wichtig in der zweiten Welle ist auch die Entschädigung für Kapitaleigner, von denen viele nach der ersten Welle kaum mehr Reserven übrig haben, etwa Stadthotels oder Restaurants. So könnten Kredite gewährt werden, die später je nach Situation in eine À-fonds-perdu-Entschädigung umgewandelt werden könnten. Welche Lösung auch immer gewählt wird: Es muss schnell gehen. Bund und Kantone haben lange die Verantwortung aufeinander abgeschoben. Jemand muss den Weg vorgeben.

Ist der Föderalismus in der zweiten Welle an seine Grenzen gestossen?
Als grosse Unterstützerin des Föderalismus muss ich sagen, leider ja. Ich bin aber überzeugt, dass wir nach der Krise mit Reformen den Föderalismus wieder stärken können. In einer Krise, die rasche Entscheidungen erfordert, gibt es nur zwei Lösungen: Entweder übernimmt der Bundesrat die Verantwortung, oder die Koordination der Kantone muss so gut sein, dass eine gemeinsame Verantwortung möglich ist.

«Wir werden nicht in der gleichen Welt aufwachen.»

Wenn die Krise vorbei ist, werden wir noch die gleichen Jobs haben?
Wir werden nicht in der gleichen Welt aufwachen. In der Krise haben sich viele Trends stark beschleunigt, die schon vorher zu beobachten waren. Homeoffice wird beliebt bleiben, die Menschen essen weniger auswärts zu Mittag, was wiederum Jobs in der Gastronomie kostet. Darum wird es grosse Anstrengungen brauchen, um diese Menschen weiterzubilden oder umzuschulen. Zuerst müssen wir allerdings durch den Winter kommen.

Wie wird die wirtschaftliche Erholung nach der Krise verlaufen? Quälend langsam oder schnell?
Ich rechne mit einer raschen Erholung. Die Verschuldung hat zwar wie in der Finanzkrise auch zugenommen. Aber wir haben nicht mehr die Überschuldung von europäischen und US-Banken, die deren Kreditvergabe und damit das Wachstum bremsen könnte. Und die Pandemie hat Kräfte freigesetzt, es gab viele Innovationen und Firmengründungen. Das ist es schlussendlich, was die Wirtschaft antreibt.

Was hat Sie als Ökonomin in der Krise überrascht?
Ich war beeindruckt, wie schnell und gut die Firmen reagiert haben. Andererseits kam es für mich überraschend, wie schnell es mit dem gesellschaftlichen Konsens der ersten Welle vorbei war. Damals trugen alle die Massnahmen mit. In der zweiten Welle ist der Dissens viel grösser. Das haben wir möglicherweise unterschätzt. Gleichzeitig ist es auch verständlich: Für die Schweiz ist es die erste Pandemie seit hundert Jahren. Ein Virus mit einer hohen Ansteckungsgefahr und einer vergleichsweise tiefen Sterblichkeit ist schwer zu fassen. Die Vorbereitung auf eine Pandemie ist immer schwierig. Eine Krise ist genau deshalb eine Krise, weil man ihre Folgen nicht vorhersehen kann.

Wie hat sich die Ökonomie als Disziplin in der Krise bewährt?
Der Konsens unter den wissenschaftlichen Ökonomen ist gross: schnell und entschlossen gegen das Virus vorgehen, die Verlierer eher grosszügig entschädigen. Das gilt weltweit. Selbst sehr konservative US-Ökonomen teilen diesen Konsens. Es gab kaum ideologisch Gräben.

Obschon es ums liebe Geld geht, wo es doch immer Streit gibt?
Dahinter steht ein Grundprinzip, das die meisten Ökonomen teilen. Es gibt Risiken, gegen die sich kaum eine Firma absichern kann, eine kleine schon gar nicht. Diese Versicherung kann nur der Staat erbringen. Genau deshalb hat die Schweiz zu ihren Finanzen geschaut. Wenn wir diese Mittel nicht im Notfall ausgeben, wann dann? (aargauerzeitung.ch)

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