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Arbeiter mit Helmen auf einer Treppe, Arbeitswelt (Symbolbild)

Wer sich anstrengt, schafft es nach oben – so lautet das Versprechen der Meritokratie. Es ist ein Mythos. Bild: Unsplash/sol

Analyse

Der Kult der Arbeit

Aufopferung bis zum Burn-out, Missgunst gegenüber Arbeitskolleginnen, totale Autoritätsgläubigkeit: Moderne Lohnarbeit hat sektenhafte Züge. Das macht uns krank und unterdrückt uns ökonomisch.

Marko Kovic



Eine der beliebtesten «Simpsons»-Folgen aller Zeiten ist «Homer’s Enemy» aus der 1997 ausgestrahlten 8. Staffel. Die Folge dreht sich um Frank Grimes, einen neuen hypermotivierten Mitarbeiter im Kernkraftwerk Springfield. Grimes ist ein Arbeiter wie aus dem Bilderbuch: Er ist extrem kompetent, gewissenhaft, diszipliniert und schlicht unermüdlich. Er arbeitet härter als alle anderen, weil er überzeugt ist, dass das der Schlüssel zum Erfolg ist.

Doch Grimes’ Weltbild wird erschüttert, als er Homer kennenlernt. Homer ist faul und unmotiviert, lebt aber trotzdem ein schönes, unbeschwertes Leben, von dem Grimes nur träumen kann. Während sich der einsame Grimes jeden Tag aufs Neue abrackert, nur um sich eine winzige Wohnung leisten zu können, nimmt es Homer ziemlich gelassen und hat trotzdem eine glückliche Familie und ein grosses Haus.

Diese Unfairness bringt Grimes zur Weissglut: Schmarotzer und Parasiten wie Homer seien der Grund, warum ehrliche, hart arbeitende Arbeiter wie er keine Chance im Leben haben. Ob dieser Ungerechtigkeit verliert Grimes den Verstand – und in einem tragischen Unfall auch sein Leben.

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«Homer's Enemy» (Part 1//). Video: YouTube/MrBeria

Die «Simpsons»-Folge über Frank Grimes könnte man als eine kurzweilige Aneinanderreihung von Schenkelklopfern verstehen. Aber bei der Folge schwingt, wie der Kulturkritiker Leon Thomas in einem Video-Essay argumentiert, noch eine zweite, sehr ernsthafte Botschaft mit. Grimes hat sich dem meritokratischen Versprechen, Fleiss und harte Arbeit zahlten sich aus, vollends hingegeben. Zwar leidet er materiell nach wie vor, aber die Antwort ist für ihn einfach noch mehr Arbeit.

Homer hingegen verweigert sich dem meritokratischen Credo und lebt trotzdem – oder vielleicht gerade darum – besser als Grimes. Das interpretiert Grimes als Ursache für sein miserables Dasein. In seinem Zorn bleibt Grimes aber blind für die tatsächlichen Umstände, die zu seinem schlechten Leben führen: Die Ausbeutung und ideologische Indoktrination durch jene, die ökonomisch an der Macht sind – reiche Kapitalisten wie Mr. Burns, den Besitzer des Kernkraftwerks Springfield. Grimes arbeitet sich für seinen Chef kaputt und missversteht seine Arbeitskollegen als die Quelle seines Leids.

Frank Grimes ist ein Opfer des Kults der Arbeit.

Marko Kovic

Bild: zVg

Marko Kovic
denkt und schreibt zu gesellschaftlichem Wandel und Technologie-bezogenen Risiken. Zu hören ist er im Podcast Das Monokel.
kovic.ch

Harte Arbeit, die höchste Tugend in der Leistungsgesellschaft

Lohnarbeit ist längst nicht mehr nur ein ökonomisches Arrangement, bei dem eine Arbeitnehmerin oder Arbeitnehmer die eigene Arbeitskraft an eine Arbeitgeberin oder Arbeitgeber verkauft. Lohnarbeit ist heute durch und durch moralisch aufgeladen. So gehört es sich nicht, «minimalistisch» zu sein und «Dienst nach Vorschrift» zu machen. Das ist beschämend. Eine gute Mitarbeiterin, ein guter Mitarbeiter – nein, ein guter Mensch – muss fleissig sein. Hart arbeiten. Alles geben. Erwartungen übertreffen. Sich nicht beklagen. Nie aufgeben. So kommt man im Leben weiter. Genauso wie die, die es bis nach ganz oben geschafft haben.

In den Medien lesen wir denn auch immer wieder regelrechte Hagiographien von erfolgreichen Leuten in Wirtschaft und Politik, die 60, 70 oder 80 Stunden in der Woche arbeiten. Die nur ein paar Stunden pro Nacht schlafen. Die auf Elternschaftsurlaub pfeifen und auch nach der Geburt ihrer Kinder wieder sofort diszipliniert zur Arbeit erscheinen. Das sind die harten und hart arbeitenden Menschen, die wir uns zum Vorbild nehmen müssen.

Wer dagegen einen nicht ganz so hohen Gang fährt, hat offenkundig ein Problem. Freiwillig nur Teilzeit arbeiten? Suspekt. Ausserhalb der Arbeitszeiten nicht permanent erreichbar sein? Da schiebt jemand eine ruhige Kugel. Sich nicht für unbezahlte Überstunden einspannen lassen? Oh oh, da hat jemand nicht den richtigen «Getting Shit Done»-Spirit. Arbeit nicht als alleinigen Lebensmittelpunkt haben? Muss ein fauler Sozialschmarotzer, ein dreckiger Parasit sein.

Sisyphos, Sisyphus im Team (Symbolbild)

Vorbild: Harte und hart arbeitende Menschen. Bild: Shutterstock

Fleiss und harte Arbeit sind heute eine eigentliche Kardinaltugend. Hart zu arbeiten, ist gut an und für sich. Sozusagen das inoffizielle elfte Gebot; «Du sollst nicht faul sein!» Doch harte Arbeit ist nicht nur moralischer Selbstzweck, sondern auch ein Versprechen: Jede und jeder kann es mit harter Arbeit zu Erfolg und Reichtum schaffen. Wir leben schliesslich in einer Meritokratie, also in einer Leistungsgesellschaft, in der eben nur die Leistung zählt.

Jene, die es bis ganz nach oben geschafft haben, haben sich hochgearbeitet; jene, die ökonomisch nicht weiterkommen und sich von Monat zu Monat durchhangeln müssen oder in Armut darben, haben einfach nicht hart genug gearbeitet. Jeder ist seines Glückes Schmied. Die Frage ist nur, ob man fleissig genug ist.

Doch dieses Versprechen der Meritokratie ist bloss ein Mythos. Ökonomischer Erfolg und Misserfolg hängen in Tat und Wahrheit weitgehend von Glück und von den materiellen Umständen, in die man hineingeboren wurde, ab. Ganz nach dem Motto: Wer hat, dem wird gegeben. Die Idee der Leistungsgesellschaft und die Tugend der harten Arbeit sind Nebelpetarden, mit denen von den tatsächlichen ökonomischen Realitäten abgelenkt wird.

Jene, die materiell ganz oben stehen, verdanken ihren Wohlstand der harten Arbeit anderer Menschen. Das ist der zentrale Mechanismus des Kapitalismus: Arbeiterinnen und Arbeiter schaffen ökonomischen Mehrwert, der von den Eigentümern der Produktionsmittel, also den Kapitalisten, abgeschöpft wird. Das ist schlicht die elementare Logik von Lohnarbeit, aber im Kult der Arbeit sind wir ideologisch derart verblendet, dass wir glauben, unsere harte Arbeit sei der Weg zu ökonomischem Aufstieg. Die Ausgebeuteten lassen sich genüsslich noch mehr ausbeuten, weil sie sich dem Irrglauben hingeben, der Ausbeutung damit entkommen zu können.

Solidarität war einmal

Frank Grimes merkt zurecht, dass sein Leben trotz Disziplin, Fleiss und harter Arbeit nicht wirklich besser wird. Genau diese Erfahrung machen Millionen von Arbeiterinnen und Arbeitern jeden Tag. Doch bei der Ursachendiagnose machen wir dann denselben Fehler wie Grimes: Wir sind überzeugt, dass andere Arbeiterinnen und Arbeiter an unserer Misere schuld sein müssen.

Die moderne Arbeitswelt ist ein Haifischbecken. Unsere Arbeitskolleginnen und -kollegen sind die hinter jeder Ecke lauernde Konkurrenz, die es auszustechen gilt. Schliesslich wollen wir ja Karriere machen und weiterkommen; dazu müssen wir halt auch ab und zu (oder am besten immer) der Wolf im Schafspelz sein. Und wir haben gar keine andere Wahl, denn über unser berufliches Gedeih und Verderben entscheidet unsere «Performance», die einem regelmässigen «Monitoring» unterliegt und in periodischen «Reviews» kritisch geprüft wird. In vielen Unternehmen ist es denn auch Usanz, regelmässig zum Beispiel die am schlechtesten «performenden» 10 Prozent der Belegschaft rauszuschmeissen; ganz egal, wie gut oder wie schlecht die Arbeiterinnen und Arbeiter wirklich gearbeitet haben. Der Arbeitsalltag wird damit zum absoluten Battle Royale – ich kann nur überleben, wenn die anderen untergehen.

Menschliche Figuren als Lemminge (Symbolbild)

Brutale Usanz: Regelmässig die am schlechtesten performenden 10 Prozent rausschmeissen. Bild: Shutterstock

Und was hat es mit den Homer Simpsons der Welt auf sich? Mit den Arbeiterinnen und Arbeitern, die nicht hyperkompetitiv sind und mir nicht an die Kehle wollen? Die müssen natürlich auch schlecht sein. Sie sind, wie Frank Grimes über Homer Simpson urteilt, Parasiten, die die harte Arbeit von mir rechtschaffenem Bürger schamlos ausnutzen. Es ginge mir persönlich viel besser, wenn die Schmarotzer sich nicht all die Dinge erschleichen würden – Jobs, Wohnungen, Sozialleistungen –, die ich nicht habe. Diese Parasiten befallen uns, wenn wir den Rechtspopulisten der Welt Glauben schenken, vor allem von aussen: Es seien die Einwanderer, die unsere Jobs stehlen, die Löhne drücken und unseren Sozialstaat ausnutzen.

Das, was wir heute in der Arbeitswelt beobachten, ist eine bemerkenswerte und systematische Entsolidarisierung. In der Arbeiterschaft gibt es kaum noch ein Klassenbewusstsein, kaum noch ein Gefühl dafür, dass Arbeiterinnen und Arbeiter gemeinsame Interessen haben, die sie nur gemeinsam durchsetzen können. Von der Erosion der Solidarität zeugt nicht zuletzt der weltweite Schwund – um nicht zu sagen: Einbruch – der Gewerkschaften. Gemäss Daten der OECD waren 1960 in der Schweiz rund 31 Prozent der Arbeiterschaft gewerkschaftlich organisiert, 2016 weniger als 15 Prozent. In Deutschland waren 1960 rund 35 Prozent in einer Gewerkschaft, heute nur noch 16 Prozent. In Österreich brach der Anteil von hohen 60 Prozent auf heute 26 Prozent ein.

Wir sind heute darauf konditioniert, Arbeitskolleginnen als Konkurrenz und Gefahr anzusehen. Dass wir in Tat und Wahrheit im gleichen Boot sitzen und als Arbeiterschaft alle von Zusammenhalt und Solidarität profitieren würden, ist eine längst vergessen gegangene Vorstellung.

Totale Aufopferung, bis zum Zusammenbruch

Wenn wir als Arbeiterinnen und Arbeiter immer möglichst alles geben müssen, wo ist dann die Grenze dieser aufopfernden harten Arbeit? Im Grab, wie das Phänomen des «Karoshi» in Japan auf traurige Art demonstriert. Karoshi bedeutet in etwa so viel wie Tod durch Überarbeitung und ist ein in Japan gut dokumentiertes Phänomen. Karoshi tritt meistens in Form von Herzattacken oder Schlaganfällen auf, verursacht durch massiven Stress, bisweilen in Kombination mit Mangel- und Unterernährung. Dass Karoshi gerade in Japan zu einem schockierenden kulturellen Alltagsproblem geworden ist, ist kein Zufall, denn der Kult der Arbeit ist in Japan besonders stark ausgeprägt. Nicht zu hinterfragende Hörigkeit, absolute Hingabe und letztlich die totale Aufgabe des Selbst zugunsten der Arbeit sind in Japan sehr starke, wenn nicht gar dominante Normen im Berufsleben.

Karoshi (Symbolbild)

Karoshi – Tod durch Überarbeitung – ist in Japan ein gut dokumentiertes Phänomen. Bild: Shutterstock

Nun könnten wir als Europäerinnen mit den Schultern zucken und meinen, dass die verrückten Japaner halt ein Problem haben. Doch wir sind letztlich mindestens genauso verrückt. So schreitet etwa das Burn-out-Syndrom seit vielen Jahren auch in unseren Breitengraden voran und reisst Menschen brutal nicht nur aus der Berufswelt, sondern aus dem Leben an und für sich. Die Sensibilisierung für Burn-out als Problem steigt zwar (die Weltgesundheitsorganisation WHO hat Burn-out 2019 als Syndrom anerkannt), aber ein Ende der sprichwörtlichen Burn-out-Pandemie ist nicht in Sicht. Wie denn auch, wenn doch stressbezogene Leiden wie Burn-out immer noch und wohl immer mehr positiv konnotiert sind: Ich arbeite so hart und so fleissig, ich hatte schon ein Burn-out. Wer noch nicht kollabiert ist, schiebt offenbar eine etwas gar ruhige Kugel.

Die Situation ist also reichlich pervers. Die moderne Welt der Lohnarbeit fordert Aufopferung bis zum bitteren gesundheitlichen Ende, aber so richtig wollen wir dagegen nicht wirklich etwas unternehmen. Lieber fügen wir uns dem Druck. Schliesslich wollen wir so hart wie möglich arbeiten und klar Stärke projizieren. Nicht zuletzt, weil wir unsere Arbeitskolleginnen und Arbeitskollegen – sprich: die blutrünstige Konkurrenz – übertrumpfen müssen; koste es, was es wolle.

Burn-out, Burnout (Symbolbild)

Ein Burn-out wird oft positiv konnotiert: Ich arbeite so hart und so fleissig, ich hatte schon ein Burn-out. Bild: Shutterstock

Die hippe Kolonisierung des Privaten

Arbeit galt früher gemeinhin als ein Ort der unaufgeregten bürokratischen Langeweile. Sinnbildlich dafür war das Büro: ein trauriger metaphorischer Betonklotz, in dem wir in unseren Zimmerchen oder sogar nur in einer Kabine, dem berühmten «Cubicle», einer Art kapitalistischer Verrichtungsbox, unseren Stapel an Aufgaben abgearbeitet haben. Heute gibt es so etwas fast nicht mehr. Jedes Unternehmen, das etwas auf sich hält, hat längst coole «Coworking Spaces» eingeführt, in denen man sich ganz leger einen Platz sucht – Wie wäre es heute mit dem Gartentisch? Oder doch lieber auf dem Sofa? – und, mit einem endlosen Nachschub an kostenlosem Kaffee und Snacks versorgt, dem nächsten «Sprint» widmen kann.

Lohnarbeit ist verdammt hip geworden. Vom ersten Tag an ist man mit allen in der Bude per Du, natürlich auch mit dem Chef, und die Kolleginnen und Kollegen sind total locker drauf. Lust auf eine kreative Denkpause? Easy, spielen wir eine Runde Pingpong! Wir sind ja eigentlich gar keine Angestellten mehr, sondern werden zu einem Mitglied einer grossen Familie. Im internen Slack werden entsprechend natürlich nicht nur trockene «Progress Reports» und «Status Updates» gepostet, sondern auch lustige Memes, geile YouTube-Videos und ab und zu auch erschütternde persönliche Geschichten. Der Arbeitgeber mag ein Grossunternehmen sein, aber wird von einem «Can Do Spirit» wie in einem Start-Up getrieben. Und all die Freiheit und Flexibilität, die wir geniessen, brauchen wir natürlich auch, denn wir sind ja «Intrapreneure», die kreativ mitdenken und neue Ideen teilen dürfen und sollen.

Diese schöne neue Arbeitswelt lullt uns in ein wohliges Gefühl ein. Denn eigentlich ist das alles doch gar nicht Arbeit, sondern ein zweites Zuhause. Doch dieses Gefühl hat eine gefährliche Kehrseite: Die Grenzen zwischen Lohnarbeit und der freien Lebenszeit verschwimmen zusehends. Wie ein sich langsam ausbreitender Nebel nimmt Arbeit alle Ecken des privaten Lebens ein. Die lustigen Memes, die man im Büro-Slack teilt, teilt man auch abends oder am Wochenende. Pünktlich um fünf Uhr abends geht man nicht aus dem Büro, weil man ein schlechtes Gewissen hat, dass man am Nachmittag eine halbe Stunde lang Pingpong gespielt hat. Und ganz allgemein will man den Chef nicht hängen lassen; er ist ja mein Freund, also muss ich mich halt doppelt reinknien, um auszuhelfen. Das ist doch letztlich das, was eine Familie ausmacht.

Ein besonders perfides Beispiel dieser Kolonisierung der privaten Lebenswelt durch pseudo-hippe Arbeit sind angelsächsische Unternehmen, die ihren Mitarbeitenden unendlich viele Ferientage anbieten. Das klingt auf den ersten Blick nach einer extrem attraktiven Option – so viel Ferien, wie man will und wann man will! Doch in Tat und Wahrheit ist diese vermeintliche Largesse und Lockerheit eine sehr erfolgreiche Taktik für Unternehmen, um Ferientage einzusparen. Unlimitierte Ferientage bedeuten nämlich, dass ein Recht (fixe Anzahl Ferientage) zu einer blossen Bitte mutiert, denn jeder dieser «flexiblen» Ferientage muss letztlich ausgehandelt und erbettelt werden. Dabei hemmen aber all die psychologischen Mechanismen, die uns zur Selbstausbeutung treiben, ungemein: Die Angst vor dem Gesichtsverlust bei den Kolleginnen und Kollegen (Ferien zu beziehen, ist ein Zeichen von Schwäche); ein schlechtes Gewissen, weil man sich dem Unternehmen, also der «Familie», doch so verpflichtet fühlt; ein endloser Druck, weil Ferien bedeuten, dass man nicht so hart arbeitet, wie man könnte.

Sisyphos, Sisiyphus (Symbolbild)

Endloser Druck: Wenn Ferien ein schlechtes Gewissen machen. Bild: Shutterstock

Die Grenze zwischen Arbeit und Privatleben verschwimmt in der Coronavirus-Pandemie mit dem erzwungenen Trend zu mehr Homeoffice nochmals stärker; so sehr, dass sie kaum noch zu erkennen ist. Von zuhause aus mit dem Laptop zu arbeiten, klingt vielleicht wie ein Nirvana der Freiheit und Flexibilität. In Wirklichkeit hat uns Homeoffice aber in eine neue Ära des digitalen Panoptikums kapriziert. Arbeitgeber können heute nämlich so subtil und so effektiv wie noch nie überwachen, was die Arbeiterinnen und Arbeiter machen. Viele Apps, von Zoom über Slack bis hin zu Microsoft Teams, haben bereits eingebaute Überwachungsmöglichkeiten.

Firmen, die sich auf noch viel invasivere Überwachungssoftware spezialisieren, erleben in der Pandemie einen Boom. Zum Beispiel die deutsche Softwarefirma Protectvision. Ihr Bestseller-Produkt: «Orvell Monitoring». Der Name ist Programm: Mit dem Laptop hip von zuhause aus arbeiten, während der Chef indirekt alles mitschneidet, erinnert denn auch an eine Orwell’sche, oder vielleicht Orvell’sche, Dystopie.

Wer vom Kult der Arbeit profitiert

Der Kult der Arbeit bedeutet, dass sich Arbeiterinnen und Arbeiter bedingungsloser, zermürbender harter Arbeit hingeben, im meritokratischen Glauben, dass sie sich damit ein besseres Leben erarbeiten können. Dass es noch nicht geklappt hat, liegt an anderen Arbeiterinnen und Arbeitern; an der Konkurrenz, die es auszustechen gilt; an den Parasiten, die die hart Arbeitenden ausnutzen; an den Einwanderern, die Jobs und Sozialleistungen klauen. Im Kult der Arbeit ist unser Blick auf das Horizontale versteift – die Probleme sind Leute wie wir, die entweder noch härter arbeiten als wir selber oder die faul sind und sich Vorteile erschleichen. Dorthin, wo das eigentliche Problem liegt, schwenkt unser Blick im Kult der Arbeit allerdings nie: nach oben.

Die destruktive Aufopferung und der ewige Konkurrenzkampf in der Arbeiterschaft nützt nicht der Arbeiterschaft. Der individualisierte, fanatische Kampf ums Überleben unter Arbeiterinnen und Arbeiter nützt jenen, die die ökonomische Macht auf sich vereinen. Den Eigentümern, den Chefs, den Investoren, den Kapitalisten. Der Kult der Arbeit ist für die Arbeitgeberseite denn auch ein unschätzbar wertvolles Geschenk: Arbeiterinnen und Arbeiter arbeiten sich kaputt und denken nicht im Entferntesten daran, ihre kollektiven Interessen gegenüber den Arbeitgebern durchzusetzen. Denn im Kult der Arbeit gibt es keine kollektiven Interessen der Arbeiterschaft; es gibt nur mich, den Einzelkämpfer, der sich gegen all die anderen Einzelkämpfer durchsetzen muss. Fressen oder gefressen werden, heisst die Devise – und tragischerweise zeugt dieser Glaube genau davon, dass wir alle längst gefressen wurden. Nur nicht von den Leuten links und rechts von uns, die im gleichen Boot sitzen wie wir selber, sondern von den Leuten über uns.

Was ist zu tun? Eine wichtige Erkenntnis aus der Arbeit mit Sektenopfern ist, dass es nur wenig bringt, die Opfer für ihren Irrglauben anzugreifen und sie zu kritisieren. Stattdessen ist es zielführend, Opfer von Sekten anzuregen, ihre Sekte und all die Versprechen, die die Sekte macht, eigenständig zu hinterfragen. Wenn Sektenopfer merken, dass sie auf leere Versprechen reingefallen sind, kann ein Prozess der Loslösung beginnen. Ganz ähnlich verhält es sich mit dem Kult der Arbeit: Wenn Arbeiterinnen und Arbeiter merken, dass sie sich mit ihrer Aufopferung nicht auf dem Pfad des Erfolgs, sondern in einem Hamsterrad der Ausbeutung befinden, trauen sie sich vielleicht, mit dem Rennen aufzuhören.

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