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Anekdoteles

bild: watson

Anekdoteles

Lolo und Monmon: Die Waisenkinder der Titanic



Noch 15 Minuten, dann wird das steil in den Nachthimmel aufragende Schiff zwischen dem dritten und vierten Schornstein auseinanderbrechen. Die Stromleitungen werden zerreissen und die Titanic im Dunkeln liegen, bevor sie gänzlich in den eisigen Wogen des Atlantiks verschwunden sein wird.

Mr. Hoffman reicht seine beiden Söhne durch die Absperrkette, sie werden ins Faltboot D gesetzt. Es ist das letzte Rettungsboot. Und jetzt ist es voll. Dem fast vierjährigen Lolo ruft er noch zu: «Mein Kind, sag deiner Mutter, dass ich sie von ganzem Herzen geliebt habe und es noch immer tue.»

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Faltboot D der Titanic, aufgenommen von einem Passagier der Carpathia. Lolo (4) und Monmon (2) gehörten zu den 711 Überlebenden. bild: wikimedia

Mr. Hoffman starb in jener Nacht gemeinsam mit 1500 anderen Menschen. Nur war Hoffman gar nicht sein richtiger Name. In Wirklichkeit hiess er Michel Navratil. Und er hatte versucht, seine Söhne Lolo und Monmon nach New York zu entführen.

Michel stammte aus der Slowakei und wohnte mit seiner Frau, der Argentinierin Marcelle, und den zwei gemeinsamen Kindern in Nizza.

Doch beide Eheleute waren angefüllt mit so vielen wilden Gefühlen, die für den jeweils anderen so unverständlich waren, dass sie unerwidert zwischen ihnen hin- und herschossen, bis sie zuletzt völlig erschöpft zu Boden sanken.

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Marcelle Caretto und Michel Navratil heirateten am 26. Mai 1907 in London, doch die Ehe wurde geschieden.

Irgendwann sammelte Marcelle ihre ganzen Gefühle auf und schenkte sie Michels bestem Freund, dem wesentlich älteren Grafen Rey de Villarey. Für diesen trennte sie sich von ihrem Gatten und nahm die Kinder mit. Und Michel konnte seine Söhne fortan nur noch sonntags sehen.

Das ertrug sein Herz nicht. Er lieh sich den Reisepass seines Freundes Louis M. Hoffman und buchte unter dessen Namen ein Ticket zweiter Klasse für eine Fahrt über den Atlantik. 26 Dollar kostete ihn die Reise nach Amerika, wo er mit seinen Söhnen ein neues Leben aufzubauen gedachte.

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Die Titanic im Hafen von Southampton am 10. April 1912. Hier bestieg Michel Navratil mit seinen Kindern das Schiff. bild: wikimedia

Marcelle wollte er nie mehr wiedersehen – so stand es im Brief, den man nach seinem Tod in seinem grauen Mantel fand. In der anderen Tasche befand sich seine Pfeife und ein geladener Revolver. Die eisigen Wasser waren ihm zuvorgekommen.

Diese waren inzwischen auch ins Rettungsboot gedrungen, Lolos Füsse waren schon ganz kalt. Er sass neben einer Bankierstochter aus Amerika. Auf ihrem Schoss zitterte ein Hündchen. Der Junge schaute hinaus auf den schwarzen Ozean, auf dem mächtige Eisbrocken schwammen. Dann schlief er ein.

Dann, um halb fünf Uhr morgens, tauchte die Carpathia auf. In einem Kartoffelsack zog man Lolo und seinen Bruder an Bord des Schiffs. Die Buben wussten ihren Nachnamen nicht, man kannte sie nur als die Söhne des Mr. Hoffman. Und nun waren sie zu den Waisenkindern der Titanic geworden.

Auf dem Foto, das jetzt um die Welt ging, sassen die beiden in einem riesigen Ohrensessel, Lolo mit einem Spielzeugdampfer auf dem Schoss.

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Monmon und Lolo waren ihre Spitznamen. Richtig hiessen sie Edmond und Michel Navratil. bild: wikimedia

Eine wohlhabende Passagierin nahm die Kinder derweil in ihrer New Yorker Wohnung auf. Innerhalb nur eines Tages waren bei der netten alten Dame mehr als 30 Adoptionsanfragen eingegangen.

Ein Brief, so erzählt man sich, stammte von Florette Guggenheim, der Witwe des reichen Geschäftsmannes Benjamin Guggenheim. Und Mr. Frank Lefebvre reiste von Iowa bis nach New York in der irrigen Annahme, es handle sich bei Lolo und Monmon um seine Söhne. Die Titanic hatte seine Frau Marie und alle seine vier Kinder in den Tod gerissen.

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Michel und Edmond, als sie noch immer nicht identifiziert worden waren. bild: wikimedia

Marcelle blättert durch die französische Zeitung «Le Figaro», als sie plötzlich das Bild mit ihren Kindern sieht. Über einen Monat lang hatte sie nichts von ihnen gehört. Sie waren über das Osterwochenende bei ihrem Vater gewesen, doch als sie die Buben abholen wollte, war niemand da.

Das Schiff der Witwen, wie die Oceanic genannt wurde, bringt sie von Frankreich nach New York. Es ist der 16. Mai 1912. Der Tag, an dem sie Lolo und Monmon so fest an ihre Brust drückte, dass sie fast keine Luft mehr bekamen.

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Wiedervereint: Marcelle Navratil mit ihren beiden Kindern. bild: geni

Wahrheitsbox

Die Geschichte ist wahr, nur dass es nach wie vor ein Rätsel bleibt, warum sich der Vater Michel Navratil selbst nicht retten konnte. Schliesslich war er Passagier der zweiten Klasse und diese liess man bereits zu Beginn der Evakuierung in ein Rettungsboot steigen.

«Wenn Michel zwei Minuten früher auf die Brücke gekommen wäre, hätte er wahrscheinlich überlebt, dann hätte man ihn mit seinen Kindern in das letzte Rettungsboot gelassen», sagt seine Enkelin Elisabeth Navratil, die ein Buch über den Untergang der Titanic geschrieben hat («Les enfants du Titanic. L’histoire vraie de deux rescapés»).
Sie vermutet, dass er, während die Kinder in ihrer Kabine geschlafen hätten, Freunde in der dritten Klasse besuchte und dort eingeschlossen worden sei. Erst als man dann die Türen dieser untersten Klasse zum Oberdeck wieder öffnete, sei er rausgekommen und habe die Kinder wecken können.
Lolo, mit richtigem Namen nach seinem Vater Michel benannt, wurde später Professor für Philosophie in Montpellier und schrieb 1991 an die Titanic International Society:
«Ich erinnere mich sehr genau an die Nacht, in der die Titanic sank. Ich schlief in unserer Kabine, und mein Bruder auch; mein Vater weckte uns, er war in Begleitung eines Mannes, den ich nicht kannte. Er nahm mich auf den Arm und trug mich auf die Brücke, und sein Begleiter trug meinen Bruder. Dann setzten uns die beiden Männer in ein Rettungsboot, das schon fast voll war. Mein Vater trug mir auf, meiner Mutter auszurichten, wie sehr er sie liebte, dann musste er sich von uns trennen. Ich wusste nicht, dass ich ihn nicht wiedersehen würde.»

Und als seine Enkelin ihn dann ins Kino begleitete, als James Camerons Film «Titanic» (1997) lief, da zitterte der 88-jährige Mann danach eine halbe Stunde lang in ihren Armen.

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