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Der Verkehr rollte auch während der Pandemie weiter. Bild: Shutterstock

Du denkst, Corona hat den Klimawandel gebremst? Dann schau dir mal diese Daten an

Die CO2-Konzentration in der Atmosphäre ist so hoch wie noch nie. ETH-Professorin Sonia Seneviratne erklärt, weshalb die Corona-Krise keine Trendumkehr bewirkt hat.



Es ist Ende März 2020. Auf dem Flugplatz Dübendorf stehen rund ein Dutzend fein säuberlich parkierte Swiss-Maschinen. Aufgrund der Corona-Pandemie werden sie vorerst keine Passagiere mehr transportieren können. Die Bilder der stillgelegten Flugzeuge haben sich ins kollektive Gedächtnis eingebrannt.

Immerhin, so dürfte manch einer gehofft haben, bremst die Corona-Krise den Klimawandel.

Parked planes of the airline Swiss at the airport in Duebendorf, Switzerland on Monday, 23 March 2020. The bigger part of the Swiss airplanes are not in use due to the outbreak of the coronavirus. (KEYSTONE/Ennio Leanza)

Gegroundete Swiss-Flieger am 23. März 2020 in Dübendorf. Bild: KEYSTONE

CO2-Konzentration so hoch wie nie

Heute, über ein Jahr nach Beginn der Pandemie, zeigt sich: Die Hoffnung war vergebens. Die CO2-Konzentration in der Atmosphäre ist so hoch wie noch nie seit Messbeginn. Dies meldete die US-Behörde für Wetter, Klima und Ozeanographie (NOAA) am Montag. Das Mauna-Loa-Observatorium in Hawaii, das seit 1958 Messungen vornimmt, verzeichnete für den Monat Mai 419 Teile pro Million (ppm). Vor einem Jahr waren es noch 417 Teile.

Das letzte Mal sei die Konzentration an CO2 vor 4,1 bis 4,5 Millionen Jahren so hoch gewesen, schreiben die Forschenden. Damals seien die Temperaturen rund vier Grad und der Meeresspiegel rund 25 Meter höher gewesen als heute.

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Die CO2-Konzentration in der Atmosphäre hat seit 1958 stets zugenommen. bild: noaa

Das CO2 in der Atmosphäre verhindert, dass Hitze von der Erde ins All entweichen kann. Bei der Konzentration gibt es saisonale Schwankungen. Der Mai ist normalerweise der Monat, in dem die CO2-Konzentration in der Atmosphäre am höchsten ist. Dies, weil die Pflanzen auf der Nordhalbkugel im Herbst und Winter das gespeicherte CO2 abgeben. Ab Mai wachsen die Pflanzen wieder so stark, dass die CO2-Konzentration wieder zurückgeht.

In den ersten fünf Monaten des Jahres 2021 verzeichnete das Mauna-Loa-Observatorium im Schnitt einen Anstieg von 2,3 ppm im Vergleich zum Vorjahr. Dies entspricht dem gleichen Wachstum wie er schon zwischen 2010 und 2019 gemessen wurde. Sprich: Von einer Trendumkehr ist trotz Corona-Krise nichts zu erkennen.

Expertin: «Wir sind überhaupt nicht auf Kurs»

Stellt sich die Frage: Weshalb ist die CO2-Konzentration trotz Pandemie nicht zurückgegangen? «Das Hauptproblem ist, dass das CO2 Hunderte bis Tausende Jahre in der Atmosphäre bleibt», sagt Sonia Seneviratne. Sie ist stellvertretende Leiterin des Instituts für Atmosphäre und Klima an der ETH. «Wenn wir die Klimaerwärmung stabilisieren wollen, müssen die Emissionen auf null runter. Sonst nehmen die CO2-Konzentration und die globale Temperatur weiter zu.»

Die CO2-Konzentration lässt sich also kurzfristig nur stabilisieren. «Eine Reduktion würde sehr lange dauern», erklärt Seneviratne. Oder bildlich gesprochen: Wenn der Wasserhahn bei einer Badewanne etwas zugedreht wird, steigt das Wasser trotzdem weiter an.

«Die Temperaturzunahme, die wir jetzt erleben, ist deswegen für Hunderte bis Tausende Jahre irreversibel», sagt Seneviratne. Weil CO2 solange in der Atmosphäre bleibe, sei es auch der grösste Treiber für die Klimaerwärmung.

Die Emissionen seien im Krisenjahr 2020 zudem gar nicht stark zurückgegangen. Die ETH-Professorin spricht von etwa sieben Prozent. Die Autos seien weitergefahren, die Wohnungen weiter geheizt worden und bei der Industrie habe es nur eine kurze Pause gegeben. Es habe zwar etwas gebracht, dass der Flugverkehr zurückgegangen sei. Aber dieser Effekt alleine reiche nicht. «Wir brauchen eine Wirtschaft, die gänzlich auf erneuerbaren Energien basiert.»

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Sonia Seneviratne. bild: manuel rickenbacher

Um das Ziel des Pariser Klimaabkommens zu erreichen – die Erderwärmung auf 1,5 Grad vor dem vorindustriellen Niveau zu begrenzen – müssten die CO2-Emissionen jetzt stark zurückgehen. Danach sieht es momentan aber nicht aus. «Wenn man die jetzigen Klimaziele der verschiedenen Länder betrachtet, würde man etwa eine Erdwärmung von 2,4 Grad erreichen», so Seneviratne, die sich auf die Abschätzungen von Climate Action Tracker (CAT) bezieht. Beim CAT werden wissenschaftliche Prognosen aufgrund der selbstgesteckten Ziele der Länder erstellt.

Eine Erwärmung von 2,4 Grad passiere dann, wenn die Länder die ambitioniertesten Projekte, die sie im Rahmen des Klimaabkommens präsentiert haben, auch wirklich umsetzen würden, so Seneviratne. Wenn nur die bestehenden Politikmassnahmen implementiert würden, würde man aber eher eine Erwärmung von drei Grad erreichen.

Dies liege auch daran, dass viele Länder sich zwar zu den Pariser Klimazielen bekannt hätten, selber aber noch kein Ziel festgelegt hätten, wann sie Netto-Null erreichen wollten. «Auch das Schweizer Parlament hat noch kein Datum bestimmt, wann Netto-Null erreicht werden soll.» Das wenig ermutigende Fazit von Seneviratne lautet denn auch: «Wir sind überhaupt nicht auf Kurs.»

Ralph Keelings, der an den Forschungen im Mauna-Loa-Observatorium massgeblich beteiligt ist, bilanziert: «Wir haben noch einen langen Weg vor uns, um den Anstieg zu stoppen, da sich jedes Jahr mehr CO2 in der Atmosphäre anhäuft. Letztendlich brauchen wir Reduktionen, die viel grösser und länger anhaltend sind als die COVID-bedingten Ausfälle von 2020.»

Das Eis auf dem Rhonegletscher schmilzt im Rekordtempo

Video: srf/Roberto Krone

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