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Das Wahrzeichen Moskaus: Die Basilius-Kathedrale auf dem Roten Platz.
Das Wahrzeichen Moskaus: Die Basilius-Kathedrale auf dem Roten Platz.

Es ist nicht alles Putin – eine Reise in Russlands zaristische, revolutionäre und phantastische Seele

Derzeit wird Russland allein mit seinem Präsidenten Putin gleichgesetzt. Und Putin ist das Böse. Doch dieses Ungetüm von einem Land ist mehr. Seine beiden wichtigsten Städte – Moskau und St.Petersburg – sind randvoll mit einer langen und reichen Vergangenheit, die einen an jeder Ecke anspringt.
29.06.2016, 16:51

Die Russen sind standhaft. Vielleicht, weil sie pünktlich zur Admiralsstunde, um zwölf Uhr mittags, ihren ersten Vodka trinken. Vielleicht auch, weil sie «überhaupt breit angelegt sind, breit wie ihr Land», schreibt Dostojewski und meint damit eventuell, dass der russische Mensch dadurch eine stabilere Basis hat und eben darum nicht so leicht umkippt. Vor allem aber ist er standhaft, weil er in seinen wunderschönen, orthodoxen Kirchen während der gesamten Messe stehen muss. Da sind keine Bänke. Da sind nur Ikonen. Und vom Kuppel-Inneren herunter schaut Jesus und strahlt.

Die Uspenski- oder Mariä-Entschlafens-Kathedrale innerhalb des Moskauer Kremls ist ein Kreuzkuppelbau: Ein quadratischer Grundriss, darin vier Säulen und eine Kuppel darüber, die von vier Nebenkuppeln umstanden wird. Die grösste symbolisiert Jesus, die anderen vier die Evangelisten. Hier wurden Russlands Zaren gekrönt.
Die Uspenski- oder Mariä-Entschlafens-Kathedrale innerhalb des Moskauer Kremls ist ein Kreuzkuppelbau: Ein quadratischer Grundriss, darin vier Säulen und eine Kuppel darüber, die von vier Nebenkuppeln umstanden wird. Die grösste symbolisiert Jesus, die anderen vier die Evangelisten. Hier wurden Russlands Zaren gekrönt.
bild: watson

Alles strebt in dieser Architektur nach oben zu Gott. Doch bevor du ins Paradies gelangst, musst du vor dem jüngsten Gericht bestehen. Darum das Fresko, das dich beim Verlassen der Mariä-Entschlafens-Kirche mit dem demütig knienden Adam und seiner Eva konfrontiert. Und mit einer Riesenschlange, die dir den Weg ins Fegefeuer weist, sollten deine schlechten Taten überwiegen.

Fresko in der Mariä-Entschlafens-Kathedrale, das dich vor dem Verlassen der Kirche daran erinnern soll, besser Gutes zu tun.
Fresko in der Mariä-Entschlafens-Kathedrale, das dich vor dem Verlassen der Kirche daran erinnern soll, besser Gutes zu tun.
bild: watson

Iwan der Schreckliche (1530–1584) muss dennoch auf direktem Wege in die Hölle gefahren sein. Obwohl «schrecklich» eine schlechte Übersetzung ist. Besser sei «furchteinflössend», sagen die Russen. Nun, wahrscheinlich hing beides irgendwie zusammen. Denn Iwan, der erste unter Moskaus Grossfürsten, der zum Zaren gekrönt wurde, quälte gerne Tiere und Menschen.

Gemälde von Ilja Repin, 1885: Iwan der Schreckliche erschlug im Streit seinen Sohn mit der Stahlspitze seines Herrscherstabes.
Gemälde von Ilja Repin, 1885: Iwan der Schreckliche erschlug im Streit seinen Sohn mit der Stahlspitze seines Herrscherstabes.
bild: wikimedia
«Von Adam an bis zu diesem Tag habe ich sämtliche Sünder übertroffen. Bestialisch und verdorben habe ich meine Seele besudelt.»
Iwan der Schreckliche, nachdem er seinen Sohn erschlagen hatte

Mit 13 Jahren liess er seinen Konkurrenten von ausgehungerten Jagdhunden zerreissen. Da war der Junge bereits Vollwaise – sein Vater, der Grossfürst Wassili III., lag seit zehn Jahren unter der Erde und seine Mutter starb 27-jährig, wahrscheinlich von den Bojaren (Adlige unterhalb des Ranges eines Fürsten) vergiftet. Der Kampf um die Regentschaft war gnadenlos. Und in dieser brutalen Umgebung hinter den Kremlmauern wurde Iwans Herz zu Stein.

Iwan der Schreckliche lässt Gefangene am Spiess braten. Radierung eines unbekannten russischen Künstlers.
Iwan der Schreckliche lässt Gefangene am Spiess braten. Radierung eines unbekannten russischen Künstlers.

Er misstraute jedem und schickte seine «Opritschnina» über das Land, eine berittene Bande von 15'000 Leibwächtern, Spitzeln und Henkern. Iwan liess riesige eiserne Pfannen giessen, um darin seine Opfer lebendig zu braten. Und auf dem Moskauer Hauptplatz – dem Vorgänger des Roten Platzes – fanden Massenhinrichtungen statt.

Diese Leichen sind natürlich längst weg, dafür liegen jetzt andere da. Aus einer späteren Zeit, die ebenso ihre dunklen Kapitel schrieb. Die berühmteste unter ihnen ist Lenin, der nunmehr einbalsamierte Vater der Revolution mit den künstlichen Wimpern, der bis heute in seinem Mausoleum an der Kremlmauer liegt. In seinem gläsernen Sarg herrschen sieben Grad Celsius.

Lenin liegt bis heute von roten Lampen erleuchtet im Mausoleum auf dem Roten Platz. Man darf ihn auch anschauen. Aber nur ganz kurz. Stehen bleiben ist verboten.
Lenin liegt bis heute von roten Lampen erleuchtet im Mausoleum auf dem Roten Platz. Man darf ihn auch anschauen. Aber nur ganz kurz. Stehen bleiben ist verboten.
Bild: AP

Lenin sieht jedes Jahr ein bisschen besser aus, weil sich die Forscher der Mausoleum-Gruppe so gut um ihn kümmern. Sie balsamieren ihn alle zwei Jahre neu ein und ersetzen die faul gewordenen Haut- und Fleischpartien mit Plastik. Dazu kriegt er alle drei Jahre einen neuen Massanzug frisch aus der Schweiz, wo das Lüstergewebe produziert wird; ein glänzender Wollstoff, den Lenin wohl während seines Zürcher Aufenthalts zu schätzen gelernt hat. Nur 2009 hat er keinen neuen bekommen. Wegen der Wirtschaftskrise wurde sein Anzug nur gründlich gewaschen und glattgebügelt.

Lenin verfügte vor seinem Tod am 21. Januar 1924, dass kein Personenkult um ihn betrieben werden dürfe. Stalin war anderer Ansicht, machte sein Begräbnis zu einem Staatsereignis und liess seine Leiche einbalsamieren.
Das erste Lenin-Mausoleum bestand aus Eichenholz und wurde innerhalb von drei Tagen errichtet. 1930 beschloss man wegen der wiederkehrenden Schäden, Lenins letzte Ruhestätte aus Stein zu schaffen.
Das erste Lenin-Mausoleum bestand aus Eichenholz und wurde innerhalb von drei Tagen errichtet. 1930 beschloss man wegen der wiederkehrenden Schäden, Lenins letzte Ruhestätte aus Stein zu schaffen.
Stalin begrüsst mit seinen Parteifreunden vom Lenin-Mausoleum aus die Menge auf dem Roten Platz. 1942 wurde Lenin in seinem Sarg nach Tjumen evakuiert, um von dem Krieg verschont zu bleiben.
bild: getty images
Nach seinem Tod im Jahr 1953 lag Stalin einige Jahre neben Lenin im Mausoleum. Die Inschrift über dem Haupteingang wurde in «Lenin Stalin» geändert. 1961 liess Chruschtschow im Zuge der Entstalinisierung die Leiche Stalins daraus entfernen und auf dem Ehrenfriedhof hinter dem Mausoleum begraben.
Nach seinem Tod im Jahr 1953 lag Stalin einige Jahre neben Lenin im Mausoleum. Die Inschrift über dem Haupteingang wurde in «Lenin Stalin» geändert. 1961 liess Chruschtschow im Zuge der Entstalinisierung die Leiche Stalins daraus entfernen und auf dem Ehrenfriedhof hinter dem Mausoleum begraben.
Das Lenin-Mausoleum, wie es bis heute besteht: Aus feinem Labradorstein und dunkelrotem Granit. Im Hintergrund ist der Senatspalast zu sehen.
Das Lenin-Mausoleum, wie es bis heute besteht: Aus feinem Labradorstein und dunkelrotem Granit. Im Hintergrund ist der Senatspalast zu sehen.
bild: shutterstock

Hinter dem Mausoleum und der gewaltigen Kremlmauer steht der Senatspalast. Seit dem frühen 18. Jahrhundert diente er als Hauptsitz des Regierenden Senats des Russischen Zarenreichs. Nach der Oktoberrevolution 1917 quartierte sich hier die sowjetrussische Führungsriege ein. Lenin und Stalin liessen sich darin eine Dienstwohnung einrichten.

Heute ist es Putins Arbeitsplatz. Und das Fähnchen auf der Spitze des Palastes ist immer da. Selbst wenn Putin nicht da ist. Und man erzählt sich, es würde sogar wehen, wenn überhaupt kein Wind geht.

Putin sieht aber von seinem Sitz nicht auf die prächtige Christ-Erlöser-Kathedrale, weil sie auf der jenseitigen Seite der Kremlmauer steht. Zar Alexander I. errichtete sie als Symbol für den Sieg Russlands über Napoleon im Vaterländischen Krieg 1812. Alexander und sein Generalfeldmarschall Kutusow hatten es der Grande Armée gezeigt. Oder besser das raue und unerbittliche Winterland hatte es ihr gezeigt. Viele der völlig zerlumpten, verlausten und ausgehungerten Soldaten, die vom Russlandfeldzug heimkehrten, liessen ihre Nasen, ihre Ohren oder ihre Fusssohlen im russischen Schnee zurück.

Die Kirche sollte nun also die Macht des russischen Zarenreichs ausdrücken, das mit Gottes Hilfe den Sieg über diesen kriegerischen Korsen errungen hatte.

Die heutige Christ-Erlöser-Kathedrale, die direkt an der Moskwa liegt.
Die heutige Christ-Erlöser-Kathedrale, die direkt an der Moskwa liegt.
bild: watson

Sie stand bis zum 5. Dezember 1931. An diesem Tag liess sie Stalin sprengen. Das Zarenreich war tot und der Glaube nichts weiter als Opium fürs Volk. Siegreich war allein die Sowjetunion, die auf der Asche der letzten Romanows errichtet wurde. Das sollte auch architektonisch zum Ausdruck kommen. Deshalb beschloss Stalin, auf dem Grundstück der Kathedrale einen Sowjet-Palast zu errichten.

Die Sprengung der Christ-Erlöser-Kathedrale 1931.
bild: wikimedia

Dieser Palast sollte die bis dahin unvorstellbare Höhe von 415 Metern erreichen. Höher als das Empire State Building, das im selben Jahr den New Yorker Himmel mit seiner 381-Meter-Spitze anstach.

Den Architektenwettbewerb gewann Boris Iofan mit seinem gar nicht mal so hübschen «Turmbau zu Moskau»:

Der «Turmbau zu Moskau» mit der 70 Meter hohen Statue Lenins auf dem Dach. Stalin mischte sich immer wieder in die Baupläne ein, es wurde sogar erwogen, Lenin zugunsten seines Nachfolgers vom Sockel zu stossen.
Der «Turmbau zu Moskau» mit der 70 Meter hohen Statue Lenins auf dem Dach. Stalin mischte sich immer wieder in die Baupläne ein, es wurde sogar erwogen, Lenin zugunsten seines Nachfolgers vom Sockel zu stossen.

Mehr als das Fundament wurde aber nicht gebaut. Der Krieg gegen Hitlers Truppen, die am 2. Oktober 1941 gegen Moskau vorstiessen, war dazwischen gekommen. Nach Stalins Tod 1953 verlor der Bau die hohe Priorität, die ihm der Diktator beigemessen hatte.

Stattdessen wurde das ganzjährig beheizte Freibad Moskwa gebaut. Doch daran fand wiederum das Puschkin-Museum für Bildende Künste keinen Gefallen. Weil nämlich der Dampf vom Schwimmbecken bis an seine Haustür herüberwaberte und die Kunstwerke bedrohte.

Das Freibad Moskwa bestand von 1960 bis 1993 an der Stelle der gesprengten Christ-Erlöser-Kirche, dem Nationaldenkmal des zaristischen Russlands.
Das Freibad Moskwa bestand von 1960 bis 1993 an der Stelle der gesprengten Christ-Erlöser-Kirche, dem Nationaldenkmal des zaristischen Russlands.
bild: wikimedia

Erst 1995, als das Schwimmbad schon marod geworden war, wurde die Christ-Erlöser-Kathedrale originalgetreu wieder errichtet.

«Das ist Russland», sagt unsere Führerin Tatjana. «Und dass wir die grösste Kanone und die grösste Glocke haben. Aber die Kanone hat nie geschossen und die Glocke niemals geläutet. Weil beide nicht funktionieren.»

Ein Juwel altrussischer Gusstechnik: Die Zarenkanone, die 1586 hergestellt, aber niemals genutzt wurde. Irgendwas stimmte mit den Berechnungen nicht, Kugeln konnten keine abgefeuert werden. Sie wiegt rund 40 Tonnen und steht im «Guinness-Buch der Rekorde» als die bis heute grösste Haubitze der Weltgeschichte. Kanone und Glocke sind beide im Kreml ausgestellt.
Ein Juwel altrussischer Gusstechnik: Die Zarenkanone, die 1586 hergestellt, aber niemals genutzt wurde. Irgendwas stimmte mit den Berechnungen nicht, Kugeln konnten keine abgefeuert werden. Sie wiegt rund 40 Tonnen und steht im «Guinness-Buch der Rekorde» als die bis heute grösste Haubitze der Weltgeschichte. Kanone und Glocke sind beide im Kreml ausgestellt.
Die Zarenglocke, die auf Geheiss der Zarin Anna Ioannowna gegossen wurde. Sie wiegt 200 Tonnen. Als 1737 ein Grossbrand in Moskau tobte, verwüsteten die Flammen die Giessgrube, in der die Glocke lag, und erhitzten sie. Als das kalte Löschwasser mit ihr in Kontakt kam, zersprang sie aufgrund des Temperaturunterschieds; ein 11,5 Tonnen schweres Stück brach heraus.
Die Zarenglocke, die auf Geheiss der Zarin Anna Ioannowna gegossen wurde. Sie wiegt 200 Tonnen. Als 1737 ein Grossbrand in Moskau tobte, verwüsteten die Flammen die Giessgrube, in der die Glocke lag, und erhitzten sie. Als das kalte Löschwasser mit ihr in Kontakt kam, zersprang sie aufgrund des Temperaturunterschieds; ein 11,5 Tonnen schweres Stück brach heraus.
bild: wikimedia

Tatjana lacht und wir spazieren zurück zum Roten Platz, auf der die Basilius-Kathedrale steht. Sie wurde zu Ehren Iwan des Schrecklichen errichtet. Denn er hatte die Tataren in mehreren Schlachten besiegt. Er stach dem Architekten danach die Augen aus. Damit er nichts von vergleichbarer Schönheit errichten konnte. Na gut, das ist jetzt eine Legende.

Die Basilius-Kathedrale (offiziell Mariä-Schutz-und-Fürbitte-Kathedrale am Graben): Jede Kuppel steht für eine gewonnene Schlacht gegen die Tartaren. Nur die kleine ganz links gehört zur Kappelle des seligen Basilius, die letzte Ruhestädte des russischen Heiligen, der auch im Winter stets barfuss durch den Schnee stapfte.
Die Basilius-Kathedrale (offiziell Mariä-Schutz-und-Fürbitte-Kathedrale am Graben): Jede Kuppel steht für eine gewonnene Schlacht gegen die Tartaren. Nur die kleine ganz links gehört zur Kappelle des seligen Basilius, die letzte Ruhestädte des russischen Heiligen, der auch im Winter stets barfuss durch den Schnee stapfte.
bild: watson

Fast genau hundert Jahre später sitzt Peter der Grosse auf dem Thron. 1682 wird der über zwei Meter grosse Mann mit den schmalen Schultern zum Zaren ernannt, der auf dem vergangenheitslosen Sumpfgebiet an der Newa eine neue Stadt baut, die sich zur neuen Hauptstadt erheben wird. Eine Stadt aus Stein, in der keine Holzhäuser erlaubt sind. Und dessen Fenster nach Europa schauen.

Auf dem Gebiet des heutigen St.Petersburg sassen die Schweden, deren Siedlung jedoch bei der Belagerung ihrer Festung Nyenschanz 1703 im Grossen Nordischen Krieg von russischen Truppen erobert wurde. Dies markierte gleichzeitig den Beginn der Stadtgeschichte. Im Bild: Kupferstich (1753) von St.Petersburg, links am Ufer steht mit der goldenen Spitze die Admiralität, die als Werft nach persönlichen Plänen des Zaren gebaut wurde.
Auf dem Gebiet des heutigen St.Petersburg sassen die Schweden, deren Siedlung jedoch bei der Belagerung ihrer Festung Nyenschanz 1703 im Grossen Nordischen Krieg von russischen Truppen erobert wurde. Dies markierte gleichzeitig den Beginn der Stadtgeschichte. Im Bild: Kupferstich (1753) von St.Petersburg, links am Ufer steht mit der goldenen Spitze die Admiralität, die als Werft nach persönlichen Plänen des Zaren gebaut wurde.
bild: wikimedia

In Peters Stadt regiert die Geometrie: Kanäle und die vom Tessiner Architekten Domenico Trezzini entworfenen Hauptstrassen – die die Russen Prospekte nennen, weil sie das Wort Perspektive nicht richtig aussprechen konnten – durchstossen die Stadt wie Pfeile, dessen Enden in eine erdachte Unendlichkeit zeigen. Hier hat sich der Westen eingenistet mitsamt seiner Betonung des Horizontalen.

«Ich liebe dich, du Schöpfung Peters, ich liebe deine strenge Gestalt, den beherrschten Lauf der Newa, den Granit an ihren Ufern, das Ornament deiner Gitter aus Gusseisen, das durchsichtige Dunkel, den mondlosen Glanz deiner nachdenklichen Nächte.»
Alexander Puschkin, «Der eherne Reiter», 1833

Puschkin besingt die Stadt, als sie schon hundert Jahre alt ist. Sie wird jetzt von Nikolaus I. regiert, dem Nachfolger des Napoleon-Bezwingers Alexander. Überall erheben sich prunkvolle Kirchen und Paläste, mit ihrer schönsten Fassade zur Newa schauend.

Der Palastplatz von St.Petersburg im 19. Jahrhundert: Im Zentrum steht die Alexandersäule. Der Engel, der die Züge des Zaren trägt, zeigt in den Himmel. Der Sieg Russlands über Napoleon entsprach also dem Willen Gottes. Die 600 Tonnen schwere Säule aus rotem Granit wurde 1832 ohne Kran mit Hilfe von 3000 Männern innerhalb von nur zwei Stunden aufgestellt.
Der Palastplatz von St.Petersburg im 19. Jahrhundert: Im Zentrum steht die Alexandersäule. Der Engel, der die Züge des Zaren trägt, zeigt in den Himmel. Der Sieg Russlands über Napoleon entsprach also dem Willen Gottes. Die 600 Tonnen schwere Säule aus rotem Granit wurde 1832 ohne Kran mit Hilfe von 3000 Männern innerhalb von nur zwei Stunden aufgestellt.
Alles steht unverändert noch heute da. 1952 planten die Machthaber der Sowjetunion zwar, die Statue des Engels heimlich durch eine Statue Stalins zu ersetzen, doch das Vorhaben wurde nie umgesetzt.
bild: shuterstock

Doch dann demontiert der Dichter den Mythos Peters und seiner perfekten Stadt, in denen die Holzhäuser so angemalt sind, als wären sie aus Backstein. Eine potemkinsche Stadt, die den Stempel einer fremden Kultur trägt und deren Wörter die Einheimischen nicht aussprechen können.

In Puschkins Gedicht wird St.Petersburg von einem verheerenden Hochwasser verwüstet – das geschah auch in Wirklichkeit viele Male – und die Stadt droht in der Sintflut unterzugehen. Als wäre sie niemals berechtigt gewesen, sich entgegen der göttlichen Gesetze aus diesem Sumpfland zu erheben.

Ein kleiner Beamter verliert in den Fluten seine Geliebte – und mit ihr seinen Verstand. Er verflucht das Denkmal des grossen Zaren, dem er die Schuld an der Tragödie gibt.

«Der eherne Reiter» auf dem Senatsplatz in St.Petersburg; im Hintergrund die Isaaks-Kathedrale: Die Szene soll den Sieg Peters des Grossen über die Schweden symbolisieren. Puschkins Gedicht dazu steht noch heute auf jedem russischen Lehrplan.
«Der eherne Reiter» auf dem Senatsplatz in St.Petersburg; im Hintergrund die Isaaks-Kathedrale: Die Szene soll den Sieg Peters des Grossen über die Schweden symbolisieren. Puschkins Gedicht dazu steht noch heute auf jedem russischen Lehrplan.

Doch dieses erwacht plötzlich zum Leben und verfolgt vor Zorn rasend den kleinen Beamten, hetzt ihn die ganze Nacht lang durch die gespenstisch leeren Strassen der Stadt.

St.Petersburg wird in Puschkins Gedicht in einen Ort ständiger Bedrohung verwandelt. In einen gefährlichen Ort, hinter dessen Fassade sich sein dämonischer Erbauer versteckt und die Bewohner in den Wahnsinn treibt.

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Lenin und Puschkin
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St.Petersburg ist in den Jahrzehnten nach seiner Gründung eine reine Garnison- und Beamtenstadt. Das Gewicht des Daseins wird in erster Linie durch die Rangtabelle des zaristischen Hofes bestimmt. Eine der Reformen Peters des Grossen, der den alten Erbadel – die Bojaren – damit endgültig entmachtete und die Laufbahnen in Staatsverwaltung und Militär in 14 Rangklassen aufteilte. Deshalb übernehmen auch in Nikolaj Gogols Erzählungen die kleinen Beamten die Hauptrolle.

Der Kollegienassessor Kowaljow wacht in der Geschichte «Die Nase» eines Tages ohne das titelgebende Riechorgan auf. Da, wo es vorher sass, ist nichts weiter als eine glatte Fläche. Er schämt sich, schliesslich gehöre es sich ganz und gar nicht, so ohne Nase herumzulaufen.

Das kleinste Denkmal St.Petersburgs: Kowaljows davongelaufene Nase.
Das kleinste Denkmal St.Petersburgs: Kowaljows davongelaufene Nase.

Er verdeckt die leere Stelle im Gesicht mit einem Tuch, als er plötzlich seine Nase auf der Strasse trifft, wie sie durch die Stadt kutschiert wird. Sie trägt die Uniform eines Staatsrates. Sie hat ihn in der Zwischenzeit also um vier Ränge überholt. Kowaljow stellt sie zur Rede:

«Sie sind ja doch meine eigene Nase!»
Gogol, «Die Nase», 1836

Die Nase runzelt die Stirn und antwortet:

«Sie irren sich, mein Herr: Ich bin ganz separat für mich. Und darüber hinaus können zwischen uns überhaupt keine engen Beziehungen bestehen. Nach den Knöpfen Ihrer Uniform zu urteilen, dürften Sie in einem anderen Ressort Dienst tun.»
Gogol, «Die Nase», 1836
Gogol liegt auf dem wunderschönen Nowodewitschi-Friedhof (Friedhof des Neujungfrauen-Klosters) in Moskau begraben. Hier liegt auch der russische Schriftsteller Michail Bulgakow, der russische Komponist Dmitri Schostakowitsch und Stalins Nachfolger Nikita Chruschtschow.
Gogol liegt auf dem wunderschönen Nowodewitschi-Friedhof (Friedhof des Neujungfrauen-Klosters) in Moskau begraben. Hier liegt auch der russische Schriftsteller Michail Bulgakow, der russische Komponist Dmitri Schostakowitsch und Stalins Nachfolger Nikita Chruschtschow.

Bei Gogol sind die St.Petersburger also auch verrückt. Sie finden sich in dieser gekünstelten Stadt nicht mehr zurecht. Und auf der Suche nach ein bisschen Innerlichkeit finden sie höchstens ihre davongelaufene Nase. Wenn nichts mehr einen Sinn ergibt, so muss man eben in die Absurdität fliehen.

Dostojewski beschreibt 1866 in seinem grandiosen Roman «Schuld und Sühne» schon ein anderes St.Petersburg. Ein industrialisiertes, in dem die sozialen Unterschiede weit auseinander zu klaffen beginnen und wo die Armut in allen Ecken der Stadt lauert. Der Prunk scheint vollends verschwunden zu sein. Sein Held Raskolnikow spaziert mit einem krempenlosen Hut durch dunkle, dreckige Hinterhöfe zum Heumarkt, wo sich das Lumpengesindel aufhält. Es ist die Kehrseite der imperialen Stadt – und sie stinkt.

Holzstich aus dem Jahr 1884: Der Heumarkt im Viertel Sennaya Ploschtschad, wo die kleinen Leute leben. Er ist das Zentrum von Dostojewskis «Schuld und Sühne».
Holzstich aus dem Jahr 1884: Der Heumarkt im Viertel Sennaya Ploschtschad, wo die kleinen Leute leben. Er ist das Zentrum von Dostojewskis «Schuld und Sühne».

Raskolnikow muss sein Jurastudium aufgeben, es ist kein Geld mehr da. Und so versteigt er sich in die Idee, eine alte Wucherin zu töten und ihr Geld zu stehlen. Schliesslich sei sie «nicht besser als eine Laus». Und er – so glaubt er in seinem Wahn – sei zu Höherem berufen, eine Art Napoleon, ein Machtmensch, der sich über die Gesetze der Normalsterblichen zu stellen vermag. Mit einer Axt spaltet er den Schädel der Alten.

Dank Dostojewskis detaillierten Beschreibungen kann man das Haus, in dem Raskolnikow die alte Wucherin tötet, ausfindig machen. Obwohl neuerdings wieder bestritten wird, dass dies das richtige Haus ist.
Dank Dostojewskis detaillierten Beschreibungen kann man das Haus, in dem Raskolnikow die alte Wucherin tötet, ausfindig machen. Obwohl neuerdings wieder bestritten wird, dass dies das richtige Haus ist.
bild: watson

Die Revolution, die rund 40 Jahre nach dem Erscheinen von Dostojewskis Roman über Russland rollte, sollte die kleinen Leute endlich aus ihrem Elend befreien. Am 22. Januar 1905 begaben sich Zehntausende von Arbeitern vor den Winterpalast, der Residenz des Zaren. Friedlich demonstrierten sie für menschenwürdige Bedingungen in den Betrieben, für Agrarreformen und die Schaffung einer Volksvertretung. Doch bis zu Nikolaus II. drangen sie nicht vor. Die Soldaten schossen vorher in die Menschenmenge.

Blutsonntag in St.Petersburg, 22. Januar 1905. 130 bis 400 Tote waren das Ergebnis. Danach war die Revolution nicht mehr aufzuhalten: Streiks, Meutereien und Morde an Grundbesitzern und Industriellen waren an der Tagesordnung.
Blutsonntag in St.Petersburg, 22. Januar 1905. 130 bis 400 Tote waren das Ergebnis. Danach war die Revolution nicht mehr aufzuhalten: Streiks, Meutereien und Morde an Grundbesitzern und Industriellen waren an der Tagesordnung.
bild: wikimedia
Der Winterpalast heute. Zahlreiche Male wurde er seit seiner Entstehung unter Peter dem Grossen 1711 wieder abgerissen und neu aufgebaut – stets ein bisschen imposanter. Er beherbergt mit seinen rund drei Millionen Exponaten eines der grössten Kunstmuseen der Welt: die Eremitage.
Bild: watson

Der Erste Weltkrieg verschlechterte die Lage bis zum Unerträglichen. Und während das russische Volk hungerte, sass die Zarenfamilie in Zimmern wie diesen:

Der Spiegelsaal im Katharinenpalast ist demjenigen in Versailles nachempfunden.
Der Spiegelsaal im Katharinenpalast ist demjenigen in Versailles nachempfunden.
bild: watson

Nikolaus II. musste abdanken. Er wurde mitsamt seiner Familie gefangen gesetzt. Schliesslich gelangte Lenin zur Überzeugung, dass ein unschuldiger Zar die Richtigkeit der Revolution in Frage stellen würde. Und so wurde beschlossen, sie alle hinzurichten.

In der Nacht vom 16. auf den 17. Juli 1918 war es so weit. Die Gefangenen wurden von Männern der Tscheka in den Keller geführt. In zwei Reihen sollten sie sich aufstellen, für ein Foto, hiess es. In Moskau ginge nämlich das Gerücht, die Zarenfamilie sei geflohen.

Die letzten Romanows, 1914, von links nach rechts: Die Zarentöchter Olga und Maria, der Zar Nikolaus II. und die Zarin Alexandra, Zarentochter Anastasia, Zarewitsch Alexei und Zarentochter Tatjana.
bild: wikimedia

Dann schossen die elf Männer alle gleichzeitig auf ihre Zielpersonen. Der Zar starb sofort, ebenso seine Frau Alexandra, deren Tochter Olga, der Leibarzt, der Koch und der Lakai. Der Zarewitsch Alexei und seine drei Schwestern Maria, Anastasia und Tatjana lagen schwer verletzt am Boden. Die Kugeln prallten an den Zarenkindern ab, weil die Kammerdienerin Demidowa vorher den Familienschmuck in ihre Mieder eingenäht hatte und nun mit einem ebenso wertvoll gefüllten Kissen versuchte, die Schüsse abzuwehren. Das ganze Abschlachten dauerte zwanzig Minuten, am Ende stachen die Mörder mit ihren Bajonetten zu.

Jekaterinburg: Der Kellerraum, in dem die Zarenfamilie mit ihrem Gefolge ermordet wurde.
Jekaterinburg: Der Kellerraum, in dem die Zarenfamilie mit ihrem Gefolge ermordet wurde.
bild. wikimedia

Ihre nackten Leichen wurden in einem Wald nahe von Jekaterinburg in einen Bergwerksschacht geworfen. Doch die Spuren sollten noch besser verwischt werden, also holte man sie am nächsten Tag wieder heraus, verbrannte zwei von ihnen und überschüttete die Gesichter der anderen mit Schwefelsäure.

90 lange Jahre dauerte es, bis das Rätsel um ihre Ermordung restlos aufgeklärt war. Unzählige Anastasias tauchten bis dahin auf und sie alle beteuerten, ihnen sei in der Mordnacht die Flucht gelungen.

Die Leichen der Zarenfamilie wurden erst in den 90ern exhumiert, doch fehlten zwei Leichen. 2007 hat ein russisches Archäologenteam den Fund der sterblichen Überreste des Zarewitschs Alexei und seiner Schwester Maria bestätigt. Ihre Gebeine sollen bald mit denen ihrer Familie vereint sein, die heute in der Peter-und-Paul-Kathedrale begraben sind. Dort, wo auch Peter der Grosse und viele der weniger grossen Zaren und Zarinnen begraben liegen.
Die Leichen der Zarenfamilie wurden erst in den 90ern exhumiert, doch fehlten zwei Leichen. 2007 hat ein russisches Archäologenteam den Fund der sterblichen Überreste des Zarewitschs Alexei und seiner Schwester Maria bestätigt. Ihre Gebeine sollen bald mit denen ihrer Familie vereint sein, die heute in der Peter-und-Paul-Kathedrale begraben sind. Dort, wo auch Peter der Grosse und viele der weniger grossen Zaren und Zarinnen begraben liegen.
bild: watson

Dostojewski schreibt noch mehr über die russische Seele. Breit wie sie sei, neige sie auch ausserordentlich zum Phantastischen. Und vielleicht ist das dieses Wundersame, Brutale und Düstere, das Grosse und Verrückte, das Russland ausmacht.

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