DE | FR
Wir verwenden Cookies und Analysetools, um die Nutzerfreundlichkeit der Internetseite zu verbessern und passende Werbung von watson und unseren Werbepartnern anzuzeigen. Weitere Infos findest Du in unserer Datenschutzerklärung.
Die im Duell von 1659 verwendeten Radschlosspistolen waren ungenau, deshalb mussten die Reiter aus kürzester Distanz schiessen.

Die im Duell von 1659 verwendeten Radschlosspistolen waren ungenau, deshalb mussten die Reiter aus kürzester Distanz schiessen. Bild: Schweizerisches Nationalmuseum

Duell in Solothurn: Pistolen pfeifen das Lied vom Tod

Warum duellieren sich zwei angesehene Schaffhauser Patriziersöhne an einem eiskalten Januarnachmittag im Jahr 1659? Und das in Solothurn? Die Geschichte einer langjährigen Familienfehde.

Adrian Baschung / Schweizerisches Nationalmuseum



Dunkle Wolken rollen über den Himmel, die Landschaft wirkt kahl und unwirtlich. Zwei Männer sprengen auf ihren Pferden im vollen Galopp einander entgegen. Ihre Radschlosspistolen sind in tödlicher Absicht aufeinander gerichtet. Mündungsfeuer blitzen auf. Wie wird dieser Feuerwechsel ausgehen? Das Ölgemälde zeigt den Höhepunkt einer blutigen Fehde zwischen zwei Schaffhauser Patrizierfamilien.

Bei den Reitern handelt es sich um Major Heinrich Im Thurn (*1621) und Hauptmann Christoph Ziegler (*1616). Beide Männer entstammten einflussreichen Familien der Stadt Schaffhausen und standen zum Zeitpunkt des Duells im Dienst der französischen Krone. Zwischen den Familien der Im Thurns und der Ziegler schwelte schon seit geraumer Zeit ein Konflikt, wobei es vor allem um Macht und Ämter in der Rheinstadt drehte.

Hier bloggt das Schweizerische Nationalmuseum

Mehrmals wöchentlich spannende Storys zur Geschichte der Schweiz: Die Themenpalette reicht von den alten Römern über Auswandererfamilien bis hin zu den Anfängen des Frauenfussballs.
blog.nationalmuseum.ch

Beide Familien stellten im 17. Jahrhundert Vertreter in den wichtigsten politischen Gremien Schaffhausens. So war der Vater von Christoph, Johann Jakob Ziegler (1587 – 1656) unter anderem Bürgermeister der Stadt. Auch die Familie Im Thurn stellte mit Hans Im Thurn-Peyer (1579 – 1648) einen einflussreichen Bürgermeister in den Jahren 1632 bis 1648. Der Kampf um Einfluss in der Politik und Gesellschaft der Herrschaft Schaffhausen zwischen den Ziegler und den Im Thurn führte zu gegenseitigen Anschuldigungen wegen Korruption, Bestechlichkeit, illegaler Bereicherung auf Kosten der Staatskasse ...

Tätliche Auseinandersetzungen waren ebenfalls Programm. So wurde beispielsweise ein Verwandter von Heinrich Im Thurn, der Patrizier Hans Friedrich Im Thurn (1610 – 1681), auf offener Strasse angegriffen. Nachdem dieser 1654 den Bürgermeister Johann Jakob Ziegler während einer Ratssitzung offen angeklagt hatte, wurde er auf dem Heimweg von den Söhnen des Bürgermeisters überfallen und mit Stöcken und Degen brutal verprügelt. Unter den Angreifern befand sich auch Christoph Ziegler, der spätere Kontrahent von Heinrich im Thurn. Obwohl diese Tat zu einer Anklage führte, nahm der Bürgermeister Ziegler seine Söhne in Schutz. Dies führte zu neuen Konflikten.

Porträt von Hans Friedrich Im Thurn, der 1654 von Christoph Ziegler und dessen Brüdern brutal verprügelt wurde.

Porträt von Hans Friedrich Im Thurn, der 1654 von Christoph Ziegler und dessen Brüdern brutal verprügelt wurde. Bild: Museum zu Allerheiligen Schaffhausen / Foto: Jürg Fausch

Beschimp­fun­gen per Bote

Wie kam es zum Duell an diesem kalten Winternachmittag im Jahr 1659? Wie bereits erwähnt, standen Heinrich Im Thurn und Christoph Ziegler zu diesem Zeitpunkt im Dienst des Königs Ludwig XIV. Beide befanden sich auf Heimaturlaub. Der Major Im Thurn weilte seit dem 21. Dezember 1658 in Solothurn, wo er beim französischen Ambassador Jean de la Barbe (1602 - 1692) Station machte. Die rasche Karriere, welche Heinrich in französischen Diensten hinlegte, seine persönliche Beziehung zum Ambassador, sowie der schwelende Familienkonflikt, weckten in Hauptmann Christoph Ziegler grollenden Ärger. Zwischenzeitlich auf Urlaub in Schaffhausen, kam Christoph ein Gerücht zu Ohren, dass Heinrich Im Thurn gegen ihn beim Ambassador intrigieren wolle. Ein offener Offiziersposten in der Kompanie, welche Christoph Ziegler 1647 für den französischen Hof aufstellt hatte, solle einem Günstling von Heinrich übergeben werden und nicht an einen Sohn Zieglers.

Das brachte das Fass zum Überlaufen. Mit seinem Diener, dem Aargauer Jakob Guggerli, ritt Christoph Ziegler nach Solothurn, wo er am 15. Januar 1659 ankam. Gleichentags wurden mehrere Briefe zwischen den beiden Schaffhauser Offizieren ausgetauscht, worin sie sich in französischer Sprache heftig beschimpften. Dieser schriftliche Austausch befindet sich heute im Staatsarchiv Solothurn. Die Briefe wurden durch zwei Diener hin und her getragen, dem eben erwähnten Guggerli und Hans oder Klaus Grau aus dem heutigen Kanton Freiburg, welcher im Dienst von Heinrich Im Thurn stand.

Stadtansicht von Solothurn, datiert auf das Jahr 1659, als das Duell stattfand.

Stadtansicht von Solothurn, datiert auf das Jahr 1659, als das Duell stattfand. Bild: Schweizerisches Nationalmuseum

Doppeltes Duell

In der Ehre gekränkt, wurde die Forderung nach einem Duell laut. So liess Ziegler seinen Gegner wissen, dass er sich ihm «den Degen oder die Pistole in der Hand» zu stellen gedachte. Die Streitenden einigten sich auf einen Zweikampf zu Pferd und mit Pistolen. Der Showdown sollte ausserhalb Solothurns, in der Ortschaft Riedholz stattfinden, nahe den sogenannten «Weihern», wo sich auch eine Badeanstalt befand.

Beide Offiziere ritten also in Begleitung ihrer Diener, welche wohl die Rollen der Sekundanten zu übernehmen hatten, gegen Nachmittag des 15. Januar 1659 aus der Stadt. Bei Riedholz, in der unmittelbaren Nähe einer Hofstatt trafen sie sich. Ob im Vorfeld des Kampfes die Gepflogenheiten eines höfischen Duells stattfanden, wie die Absprache der Sekundanten, Anzahl Schüsse und Schussabgabe, Kontrolle der Waffen oder die Auswahl des Duellplatzes bleibt unbekannt. Der Kampf mit den Radschlosspistolen, wie sie auch auf dem Gemälde zu sehen sind, war nur auf nahe Distanz möglich, da die Treffsicherheit dieser Waffen gering war. Somit mussten die Duellanten ihr Feuer zurückhalten, bis sie möglichst nahe aneinander vorbeiritten.

Radschlosspistole von Büchsenmacher Felix Werder aus Zürich, um 1640.

Radschlosspistole von Büchsenmacher Felix Werder aus Zürich, um 1640. Bild: Schweizerisches Nationalmuseum

Wohl auf ein Signal hin gaben Heinrich Im Thurn und Christoph Ziegler, die Pistolen gezogen, ihren Pferden die Sporen und rasten aufeinander zu. Heinrich feuerte als Erster, doch seine Pistole versagte. Die Situation ausnutzend, ritt Christoph nahe heran, zielte und schoss Im Thurn aus nächster Nähe in den Kopf. Die beiden Diener gingen ebenfalls zum Feuerkampf über. Dabei traf Im Thurns Dienstbote Jakob Guggerli mit einer Pistolenkugel in den Unterleib.

Durch den Feuerwechsel aufgeschreckt, trat der Besitzer der nahen Hofstatt ins Freie und sah, wie das Pferd mit dem zusammengesunkenen Heinrich Im Thurn bis zum Zaun des Gehöfts gelaufen kam. Dort fiel der Schaffhauser vom Pferd. Während Christoph Ziegler das Weite suchte, kam nun Grau in die Hofstatt geritten und verlangte nach Hilfe für seinen Dienstherren. Doch jede Hilfe kam zu spät. Der 38-jährige Major Heinrich Im Thurn, frisch verheiratet und Vater eines drei Monate alten Buben war bereits tot. Die Magd der Hofstatt musste den Leichnam ins Innere des Hauses bringen.

Reiterduell zwischen Heinrich Im Thurn und Christoph Ziegler, Anonym, um 1660.

Reiterduell zwischen Heinrich Im Thurn und Christoph Ziegler, Anonym, um 1660. Bild: Schweizerisches Nationalmuseum

Die Rache der Familie Im Thurn

Christoph Ziegler, seinen schwer verwundeten Diener zurücklassend, ritt Hals über Kopf zurück nach Schaffhausen, bevor die Meldung des Zwischenfalls die Rheinstadt erreichte. Von dort floh er auf sein Landgut bei Thayngen und dann weiter nach Strassburg. Jakob Guggerli wurde in den Solothurner Gasthof Krone gebracht, wo er zwei Tage später seinen Verletzungen erlag.

Die Solothurner Obrigkeit, darauf bedacht, solche Ehrenhändel hart anzugehen, strengte eine Strafuntersuchung an und verurteilte beide Familien zu hohen Geldstrafen, wobei die Opferseite milder bestraft wurde. Neben der Strafuntersuchung verursachte das Duell ein weiteres Problem. Wohin mit dem Leichnam von Heinrich Im Thurn? Als Protestant konnte und durfte Im Thurn im katholischen Solothurn nicht nach reformiertem Ritus begraben werden. Unter Mithilfe des französischen Ambassadors konnte der Leichnam schlussendlich in bernisches Gebiet überführt und in der Kirche Oberbipp begraben werden. Dort ist noch heute eine Grabplatte zu Im Thurns Ehren zu sehen. Die Familie Im Thurn liess sich diese Gefälligkeit viel Geld kosten und stiftete der Kirche aus Dankbarkeit eine neue Kanzel, welche das Familienwappen der Schaffhauser zeigt.

Christoph Ziegler, wegen des Duells über längere Zeit aus der Stadt und der Herrschaft Schaffhausens verbannt, wurde später weitgehend begnadigt und durfte sich wieder auf seinen Landsitz bei Thayngen begeben. Doch der Tod Heinrich Im Thurns war nicht vergessen und Neffen Heinrichs, zwei Teenager, schworen Blutrache. Am 7. September 1661 lauerten sie Christoph Ziegler vor dessen Herrensitz auf. Als dieser gegen den frühen Nachmittag aus der Türe trat, streckten sie ihn mit zwei Pistolenkugeln nieder.

Wegkreuz bei Riedholz, welches in der Nähe des Duellplatzes an das Ereignis von 1659 erinnert.

Wegkreuz bei Riedholz, welches in der Nähe des Duellplatzes an das Ereignis von 1659 erinnert. Bild: Adrian Baschung

>>> Weitere historische Artikel auf: blog.nationalmuseum.ch

watson übernimmt in loser Folge ausgesuchte Perlen aus dem Blog des Nationalmuseums. Der Beitrag «Pistolen pfeifen das Lied vom Tod» erschien am 15. Januar.
blog.nationalmuseum.ch/2021/01/duell-in-solothurn

DANKE FÜR DIE ♥
Würdest du gerne watson und Journalismus unterstützen? Mehr erfahren
(Du wirst umgeleitet um die Zahlung abzuschliessen)
5 CHF
15 CHF
25 CHF
Anderer
Oder unterstütze uns per Banküberweisung.

Ford v Ferrari – das echte Rennen 1966

1 / 9
Ford v Ferrari – das echte Rennen 1966
quelle: hulton archive / bernard cahier
Auf Facebook teilenAuf Twitter teilenWhatsapp sharer

Duell der friedlichen Art: Baroni gegen Cécile im Aromat-Knatsch

Das könnte dich auch noch interessieren:

Abonniere unseren Newsletter

In Deutschland waren die Flüchtlinge nicht mal willkommen, als es Deutsche waren

Wer glaubt, für Fremdenfeindlichkeit brauche es Menschen aus fremden Ländern, irrt. Nach dem verlorenen Krieg drängten sich Millionen Flüchtlinge und Vertriebene aus den deutschen Ostgebieten in Rest-Deutschland. Heute gilt ihre Aufnahme als vorbildlich – doch in Wahrheit schlugen ihnen damals Hass und Verachtung entgegen und der offen ausgesprochene Gedanke, nicht nach Westdeutschland, sondern nach Auschwitz zu gehören.

Der Volkszorn kocht, und der Redner weiss genau, was die Leute hören wollen: «Die Flücht­lin­ge müs­sen hin­aus­ge­wor­fen wer­den, und die Bau­ern müs­sen da­bei tat­kräf­tig mit­hel­fen», ruft Jakob Fischbacher*. Der Kreisdirektor des bayerischen Bauernverbandes giesst kräftig Öl ins Feuer und nimmt sogar das Nazi-Wort «Blutschande» in den Mund.

Was hier nach Sachsen im Jahr 2016 klingt, ist Bayern im Jahr 1947. Und die Flüchtlinge, die Fischbacher hinauswerfen will, kommen nicht aus Syrien …

Artikel lesen
Link zum Artikel